Wenn man twenty-something geworden ist, dann wartet man darauf, dass es endlich los geht mit dem richtig geilen Erwachsenen-Leben und Liebe und dem ganzen Kram. Mit sich-selber-finden und dem Happiness-Versprechen. Genau von dieser Problematik handelt Fabian Hischmanns zweiter Roman Das Umgehen der Orte. Er zeigt den Dunst aus lodern, warten, hetzen oder gar aussetzen nicht mit dem moralischen Zeigefinger, sondern anhand verschiedenster Charaktere auf. Figurenkonstellationen, die an den feinen Nuancen, am Spinnengeflecht der Kommunikation scheitern. »Sie haben beide immer viel geredet, aber kaum miteinander gesprochen«, heißt es dazu auf Seite 111. Es geht eben nicht um das ganz große Ding im Leben. Ach, die verdammte Graustufen-Krise, kennt man, oder? Zum Beispiel wird dies im größten Handlungsstrang des Buches durchgespielt: Die Story von Lisa und Anne. Lisa hat ein wenig inneren Struggle, nachdem sie ihren Vater aufgefunden hat, das eine Ende seiner Krawatte um den eigenen Hals, das andere an das Wasserrohr hinter sich geknotet. Und weil das natürlich nicht ganz so cool ist, wenn der Vater sich durch ungeglückte Sexpraktika selbst tötet, muss Lisa den Kram irgendwie kompensieren: Bei ihr läuft das in Richtung Snickers-Liebschaft. Klar, dass sich das auf’s Gewicht schlägt. Hänseleien, unerwiderte Liebschaften, die coole Freundin Anne, die Lisa als antithetische Figur konterkariert: Soweit, so bekannt.

Auf die Girls-Story folgen viele einzelne Handlungsstränge von der Sorte Nebenbuhler- Figürchen. Wie Niklas zum Beispiel, der seine Zeit auf einer Seehundstation vertreibt und, noch bevor er Lennart kennenlernt, am ersten Tag denkt: »Eine absurde Verliebtheit wäre gar nicht so übel. Oder einfach mal eine, die möglich ist.« Oder Kolja, der sich bei einer Party vor ein betrunkenes, einem Orang-Utan ähnlich sehendes Mädchen setzt und der Fotografin zuruft »Ich hab mich nur gefragt, ob deine Fotze genauso behaart ist wie deine Oberlippe«, »Lösch das Bild und geh dich rasieren!«.
Dazu fügt Hischmann streckenweise verschiedenste Textformen ein, die das Buch als wuchernden Hybrid konzipieren: Briefauszüge, SMS-Nachrichten, nebulöse Bilder eines im Bermudadreiecks verloren gegangenen Nick Cave mit dazugehörigem SOS-Notruf. Was man mit den einzelnen Versatzstücken jetzt anfängt? Du klappst das Buch zu, schwirrst zurück in dein eigenes Damals und kommst im Jetzt an: Was war denn mein Struggle? Was löst immer wieder meine eigene Graustufen-Krise aus? Wusstest du von vornherein, dass du homo-, hetero- oder bisexuell bist? Ne, oder? Das war doch, genauso wie in der Boys-Story, eine Entwicklung, ein Ausprobieren, sich-heran-testen an die eigene Identität. Wenn dein Leben also gerade auch nicht in geordneten Kapiteln verläuft: Lies dieses Buch, das eher an ein Gesamt-Kunstwerk erinnert als an einen Coming-of-Age-Roman. Das dich da abholt, wo du dich gerade befindest: In der verdammten Graustufen-Krise. Diffuser Dämmerungszustand garantiert.
Fabian Hischmann: Das Umgehen der Orte. Berlin Verlag, 202 Seiten.
Bild mit freundlicher Genehmigung von Berlin Verlag
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