Ein Brief über den literarischen Satz

Der literarische Satz aber ist dadurch gekennzeichnet, dass er schon in seinem Erscheinen als Sprachform von solchen Vorgaben abweicht, und zwar nicht in erster Linie deshalb, weil seine Autorinnen und Autoren so überaus freie Geister wären, sondern weil die Setzung des literarischen Satzes per se ein dissidenter Akt gegenüber der Pragmatik der Sprechakte darstellt. Was sich in ihm rhetorisch ereignet, kann als Prozess intrinsisch-dialektischer Ironie verstanden werden. Der literarische Satz reflektiert selbst auf diese Ironie, bis hin zum sich Entziehen jeglicher Kontrolle durch eine Pragmatik erster Ordnung.

So kann ich, verzeih!, den Satz ‚Ich ging zum Kühlschrank und holte die Mutter heraus’ schon gar nicht mehr guten Gewissens als normalsprachlich kontextualisierbar begreifen. Als Sprachspiel erster Ordnung funktioniert er nicht mehr, außer man begreift ihn unter kriminalistischen bzw. diskriminierenden Vorzeichen. Gerade darin aber läge der Wunsch, den von seiner pragmatischen Funktion abgelösten Satz wieder in eine solche Sprechaktfunktion erster Ordnung zurückzuzwängen. In den meisten Fällen wird ja Interpretation genau in diesem Sinne einer sprechaktpolizeilichen Maßnahme  betrieben.

Tatsächlich rekurriert der zitierte Satz vehement auf die Suspendierung seiner pragmatischen Funktion und setzt eine Pragmatik zweiter Ordnung ins Werk, in der er auf seine Abweichung von einer primären Referenz referiert. Der Impuls dafür liegt etwa hier in der Vertauschung eines einzigen Konsonanten. Das M in Mutter bleibt auf das B in Butter bezogen, weil durch die Auswechslung des Konsonanten per se jegliche Funktionalisierung in einer Pragmatik erster Ordnung willentlich aufgehoben scheint, die mit der Variante Butter noch herstellbar wäre. Damit zeigt der Satz mit der Variante Mutter seine Verankerung in einer Pragmatik zweiter Ordnung an, die nur dadurch erkennbar wird, dass die Referenz auf Butter darin reflektiert ist.

Mit dieser minimalen phonologischen Differenz werden sofort Versuche der Kontextualisierung jener Abweichung herausgefordert. So kann man den Satz darin festmachen, dass man ihn als neodadaistischen Nonsens identifiziert. Oder man begreift ihn als Bestandteil einer fantastischen Erzählung, in der Frauen in Kühlschränken frisch gehalten werden. Mit beidem hätte man ihn literarisch aufgefasst und eben nicht ideologisch, etwa als frauenverachtende Aussage im Umfeld der Küche. Ideologische Rediskursivierung beinhaltet die strikte Zurückweisung intrinsisch-dialektischer Ironie und das Pochen auf die Rückführung des Satzes in eine Pragmatik erster Ordnung.

Deshalb, liebe Mutter,  haben wir immer wieder Lust,  solche Sätze zu lesen oder herzustellen. Ihr literarischer Charakter liegt nicht in der Substanz ihrer Aussage, sondern in der ludischen Iteration eines Folgesatzes. Der literarische Satz ist mithin ein Satz, der einen Folgesatz herausfordert. Etwa: ‚Ich ging zum Kühlschrank und holte die Mutter heraus. Sie war ganz steif gefroren.’ Oder: ‚Ich ging zum Kühlschrank und holte die Mutter heraus. Es war mir zur  Gewohnheit geworden, Werkzeug und Zubehör in dem ausgemusterten Gerät zu lagern.’

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