Ein Brief über den literarischen Satz

Literarische Sätze sind dissident auch noch gegenüber den Diskursen, denen sie zugehörig scheinen; sie befinden sich gegenüber diskursiven Ordnungen in einem diese pervertierenden, umstürzenden, außer Kraft setzenden Verhältnis. Denn literarische Sätze sagen nur insofern etwas über die Welt aus, als sie ihre Abweichung vom primären Pragmatismus von Sprechakten reflektieren.

Hierin liegt die Antwort auf die Frage, warum es in allen Kulturen genuin literarische Hervorbringungen gibt, auch in solchen ohne Schrift. Müsste es sie denn geben, wenn sie ohnehin nur das wiedergeben, was die jeweils herrschenden Mächte als Bedeutungsmodelle postulieren und in ihre Subjekte eintrichtern? Jede Ordnung erzeugt durch ihre Sprechakte die Kräfte, die eine Abweichung von ihr bewirken. Die Abweichung des Sprechens von seinen pragmatischen Rahmungen wird durch die Herstellung einer Pragmatik zweiter Ordnung nicht bloß möglich, sondern notwendig, um die Dynamik von Sprache überhaupt zu garantieren, die für ihre Funktionen in der sozialen Interaktion notwendig ist. Ein literarischer Satz ist daher keine Ausnahmeerscheinung oder ein diskursives Beiwerk zum allgemeinen Sprechen, sondern konstituiert durch Abweichung von den gefügten Normen des Sprechens überhaupt erst das Sprachsystem als funktionsfähiges und mithin das kulturelle Bewusstsein. Dieses aber ist ein Bewusstsein der radikalen Freiheit.

Das Wissen um eine Pragmatik zweiter Ordnung ist den Benutzern der Pragmatik erster Ordnung – den Akteuren von Sprechakten – inhärent. Man weiß, dass es Redeformen der Abweichung gibt, aus denen allererst die Dynamik kultureller Prozesse resultiert. Diese sind prinzipiell nicht kontrollierbar, sondern unterliegen einem Überraschungsmoment. Wer das nicht akzeptieren kann, wird der Literatur skeptisch, wenn nicht feindlich gegenüberstehen.

Man schreibt literarisch, weil eine Notwendigkeit besteht, über die Redegewalten der eigenen Epoche hinaus zu gehen, weil es um Unterwanderungen von Sprachregelungen, Denkzwängen, Redegewohnheiten und Sinnestäuschungen geht. Ideologen aller Couleur, Diktatoren und Gewaltherrscher fürchten nichts so sehr wie den literarischen Satz. Der literarische Satz ist die stets virulente Außerkraftsetzung jeder bestehenden Ordnung. Deshalb versuchen die Mächtigen stets, ideologiekonforme Literatur ins Leben zu rufen; manche versteigen sich dazu, sie gar selbst zu verfassen. Doch Literatur , wie ich sie verstehe, vermag dem nicht zu entsprechen, was Ideologie will, auch wenn es stets Autoren gegeben hat, die ideologiekonform geschrieben haben oder die ihre ideologische Borniertheit mit Literatur verwechseln. Aber Schreibweisen ohne Abweichungspotenzial erzeugen affirmativen Kitsch oder reproduzieren im besten Sinne die diskurskonforme Geistesverödung jener, die sich im Recht glauben.

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