Ein Brief über den literarischen Satz

So weit, so trivial. Ich wiederhole, was ich Dir noch in Kentucky bei unserem letzten Bourbon zum Abschied sagte: Mit der Suspendierung seiner pragmatischen Funktion in Sprechakten erster Ordnung erscheint der literarische Satz als Sprechakt aufgehoben. Worauf bezieht sich nun aber der Satz, wenn er als Sprechakt suspendiert ist? Er kann sich nur auf eben diese Suspendierung beziehen und bildet damit einen Sprechakt und eine Pragmatik zweiter Ordnung aus, die sich vor allem mit der Pragmatik erster Ordnung auseinandersetzt. Zwar spricht auch er über ‚Welt’, doch ist seine Referenz auf die Welt erst durch den Filter einer Referenz auf seine Abweichung von jeder primären Referenz möglich. Die Pragmatik zweiter Ordnung nimmt direkt auf die Aufhebung der Pragmatik erster Ordnung Bezug und ist zugleich deren Ergebnis.

Und nun meine These, liebe Mom, die ich erst hier in dem zerstörten Land der verbohrten Fanatiker entwickelt habe: Das Phänomen des Abweichens aus jedem als primäre Bezugnahme zu begreifenden Referenzrahmen bezeichne ich als Dissidenz des literarischen Satzes. Es vollzieht eine Abweichung vom pragmatischen Funktionszusammenhang und zeigt zugleich die Reflexion dieser Abweichung. Indem der literarische Satz von der Pragmatik erster Ordnung abweicht, ist ihm das Bewusstsein für diese Abweichung auch schon eingeprägt. Er funktioniert als literarisches Phänomen nur aufgrund einer reflektierten Abweichung aus den Sprechakten der Normalsprache.

Der literarische Impetus ist mithin zu allen Zeiten und in allen Gesellschaftsordnungen in einer sich als Abweichung wissenden Abweichung von diskursiven oder ideologischen Systemen zu sehen. Wer fiktiv schreiben will, muss von einem nichtfiktiven Funktionshorizont der Sprache ausgehen und versuchen, gerade diesen in der Dissidenz gegenüber der pragmatischen Funktion zu reflektieren. Fiktionalität ist daher nicht einfach der Sprung aus der Realität in die Imagination von Welt, sondern muss als in sich reflektiertes Abweichen von Sätzen aus dem Funktionskontext normalsprachlicher Referenz begriffen werden. Die Dialektik der Referenz auf Welt und der Abweichung des Satzes aus der primären pragmatischen Funktion der Sprache, stellt den kognitiven Hintergrund dessen dar, was wir Fiktion nennen.

Und nun die eigentliche Folgerung, auf die Du auf Deinem Schaukelstuhl auf der Veranda (ich sehe Dich genau vor mir mit dem Brief in der Hand, den ich hier schreibe, den Du wegen Deiner Kurzsichtigkeit ganz nah an die Augen führst) schon gespannt sein wirst: Literatur illustriert  keine die Epoche prägenden Diskurse oder folgt machtvollen Narrativen, um sie mit umständlichen Plots zu illustrieren. Der größte Irrtum einer sich selbst immerfort als irrelevant bezeichnenden Forschung besteht darin, literarische Texte mit nichtliterarischen als Analysematerial für ganze Epochen und ihre Diskursverhältnisse gleichzusetzen. Als wären Autoren Dienstleiter am Gesprächsstoff der Geschichte. Wer Literatur unter diesen Gesichtspunkten vermittelt, vergrault ihre Liebhaber, verkennt ihren Kunstwert und marginalisiert die Literatur zu einer Hostesse der Sozialwissenschaften.

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