„Écriture féminine“ mit Karen Köhler

Sie wollte schon immer Kosmonautin werden.

Die 1974 in Hamburg geborene Autorin Karen Köhler feierte 2014 ihr Prosadebut mit dem Erzählband „Wir haben Raketen geangelt“. Der Titel liegt nahe, da sie schon immer Kosmonautin werden wollte. Statt im All findet man sie heute auf Bühnen und hinter Lesepulten. In ihren Erzählungen spielen starke Frauen eine große Rolle, wobei das Spannende daran ist, dass die Geschlechtsdefinition heraus gezögert wird. Auch Umbrüche und das Ausbrechen aus Konventionen werden thematisiert. Die ehemalige Schauspielerin arbeitet nicht nur an Prosa, sondern widmet sich auch dem Schreiben von Theaterstücken. Ihre Stimme trifft eine Frauengeneration, die sich nicht kategorisieren lassen will. In diesem Zusammenhang haben wir sie zum Thema „Écriture féminine – ein weibliches Schreiben“ interviewt.

Sind Sie vor unserer Interview-Anfrage schon einmal mit der Écriture féminine in Berührung gekommen?
Es ist ein Begriff, der mich immer wieder mal umschwirrte. Ich bin auf ihn gestoßen, als ich frustriert war bei meiner Arbeit als Schauspielerin am Theater. Damals hatte ich gerade das Studium abgeschlossen, ich kam von einer sehr experimentierfreudigen, der Performance sehr zugewandten Hochschule und hatte u.a. mit Shakespeares berühmten Kerkermonolog aus „König Richard II.“ mein Diplomvorsprechen gemacht. Als dann ein Intendant beim Vorsprechen sagte, das sei ja nun eine Männerrolle, ob es sein müsse, mit so etwas als Frau vorzusprechen, habe ich geantwortet, dass ich durchaus in der Lage sei, Shakespeares Gedankengang in der Figur Richards nachzuvollziehen, obwohl ich eine Frau sei. Die Dramaturgen lachten, ich wurde genommen und wurde in den ersten Jahren viel mit sogenannten „Hosenrollen“ besetzt, da ich nach Meinung der Dramaturgen eher der burschikose Typ sei. Im Berufsalltag stieß ich dann zunehmend auf die klassischen Frauenrollen, die alle von Männern geschrieben waren und nun oft auch noch von Männern inszeniert wurden. Und in mir war so ein Widerstand gegen dieses Frauenbild. Muss man das heute noch so zeigen? Ich habe versucht, mich in der Darstellung dagegen zu wehren, aber der Text gab oft nichts her, womit ich mich hätte wehren können. Das ärgerte mich. Und ich stieß dann, bei der Suche nach alternativen Sichtweisen zum ersten Mal auf diesen Begriff und den feministischen Blickwinkel in der Literatur.

Halten Sie eine Unterscheidung zwischen „weiblichem“ und „männlichem“ Schreiben für sinnvoll?
In der Metaebene der Analyse sicherlich. Das körperliche Geschlecht ist jedoch nur ein Merkmal, das Autor*innen auszeichnet. Ebenso das gefühlte Geschlecht, aber auch Geburts- und Lebensort, Hautfarbe, Alter usw…
Ich wünsche mir eigentlich, dass in der ersten Rezeption nur die Sprache der Literatur eine Rolle spielt. Eigentlich kann sich jeder, der das hier liest, ja mal vor sein Bücherregal stellen und die Buchrücken überfliegen und alle Bücher von Frauen mal ein Stückchen rausziehen. Ich wette, das Bild, was sich da herauskristallisiert, ist fast bei allen gleich: Sehr wenig Frauenbücher. Sehr viele Männerbücher. Und das ist bemerkenswert. Das ist untersuchungswürdig und benennenswert. Weil da ja was im System nicht stimmen kann, das den Markt hervorbringt, der dieses Leseverhalten erzeugt. Und das Bild, das daraus wieder auf die Gesellschaft zurückfällt.

Was verstehen Sie unter einem weiblichen Schreiben?
Oh. Im besten Sinne: das Ausloten und Aufzeigen der Verhältnisse. Ich denke dabei zum Beispiel an Nino Haratischwilis „Das Achte Leben (für Brilka)“ oder an Miranda Julys „The First Bad Man“, das sind für mich zwei Bücher, die den Titel „weibliches Schreiben“ tragen, und die doch sehr unterschiedlich sind. Ich glaube, wir müssen Frauen sichtbar machen in der Literatur/Kunst/Gesellschaft und ihnen Humor und Schlagfertigkeit zuordnen, sie zu starken Figuren machen, und sie nicht zur Plotdekoration verkommen lassen. Inka Parei! Die Schattenboxerin. Arundati Roy! Der Gott der kleinen Dinge. Chimamanda Ngozi Adichie. Plath… Wir können unsere Geschichte schreiben, aus unserer Perspektive, auf unsere Weise. Und das ist vielleicht verstörender und etwas anderes, als ein durch ein Frauengehirn gequirlter männlicher Blick aufs Weibliche, weil man den eben so eingetrichtert bekommt und quasi dieser Schablone hinterherschreibt, ohne es zu merken.

Würden Sie ihr eigenes Schreiben als „typisch weiblich“ bezeichnen und wenn ja, an welchen Kriterien machen Sie dies fest?
Ich weiß gar nicht, was „typisch weiblich“ sein soll, ehrlich gesagt. Ich möchte, dass es menschlich ist. Und die Themen, die ich wähle, sind hoffentlich für beide Geschlechter interessant. Die in meinem Buch (Wir haben Raketen geangelt) versammelten Erzählungen sind ja eine Auswahl. Ich habe in einigen Texten versucht, den Zeitpunkt der Definition des Geschlechts der Erzählperspektive soweit wie möglich nach hinten zu verschieben oder zu verschlüsseln. Ich wollte aber starke Figuren haben. Figuren, die sich irgendwie der Unbill des Lebens entgegenstemmen.

Finden Sie, dass Männer anders schreiben als Frauen?
Ja. Und eigentlich finde ich das vollkommen okay. Ich muss Houellebecq nicht gut finden. Weil mich das Hauptthema eines sexuell frustrierten Mannes in den 50ern vielleicht nicht so interessiert, das sich durch sein Werk zieht. Oder Henry Miller. Ich kann das aber trotzdem lesen und als eine Position wahrnehmen. In der Literatur bildet sich ja auch nur Gesellschaft ab. Die Rezeption von Literatur hängt ja vom Leser mindestens so stark ab, wie vom Autor.
Es ist im Allgemeinen vielleicht so, dass gesagt wird, Frauen hätten die bessere Technik des Erzählens und Männer die interessanteren Geschichten. Das kam mir manchmal auch schon so vor. Wobei ich nicht weiß, obs daran liegt, dass weniger Frauen überhaupt auf den Buchmarkt kommen. Hm. Mal abgesehen von den Figuren und Inhalten: Vielleicht sind Bücher von Frauen zyklischer, und die von Männern linearer? Obwohl Sibylle Berg ja sehr linear schreibt. Juli Zeh vielleicht auch. Vielleicht stimmt das nicht, was ich gerade gesagt hab. Es war nur eine Idee.
Ich finde es eigentlich gut, wenn das erzählende Geschlecht in den Hintergrund tritt. Wenn ich nicht mehr genau sagen kann, ob das, was ich lese, eine Frau oder ein Mann geschrieben hat. Wenn das Erzählte mich durch Inhalt begeistert und nicht durch Geschlechtersolidarität. Also da lese ich lieber Gegen die Welt als 50 Shades of Grey. Lieber Ágóta Kristof als Houellebecq.
Im Moment erleben wir ja auch eine zunehmend unzureichende Sprache, gerade was Gender angeht oder Intersexualität, wo man aus dem dualitären Bezeichnenden beim Menschen nur über das Kind entkommt, das ein ES sein darf. Da entwickelt sich Gesellschaft schneller als Sprache.

Bild mit freundlicher Genehmigung von Von Amrei-Marie - Own work, CC BY-SA 4.0