„Meine Arbeit galt früher immer als Studienabbrecher-Beruf“, sagt sie zu Beginn unseres Gesprächs lachend.

Eva-Maria Busch, geboren 1957, hat Russisch und Französisch in Köln studiert. Nach dem ersten Staatsexamen bekam sie eine Stelle als Lektorin im Brunnen Verlag Gießen, wo sie seither tätig ist. Hauptsächlich redigiert sie Biografien, Lebensgeschichten und historische Romane. Außerdem betreut sie Anthologien.

Hattest du denn schon zu Beginn deines Studiums die Vorstellung, ins Lektorat zu gehen?
Für einen Lektor gibt es keinen direkten Berufs- oder Studienweg. Russisch und Französisch habe ich zunächst mit dem Ziel, Lehrerin zu werden, studiert. Aber dann bin ich doch lieber in den Verlag gewechselt. Anfangs habe ich noch Kinderbücher übersetzt, heute mache ich jedoch nur noch Lektoren-Arbeit. Übersetzer verdienen meistens sehr wenig, davon kann man schlecht leben (außer wenn man einen gut verdienenden Mann hat!).

Wo wir schon beim Thema wären! Gibt es für dich einen signifikanten Unterschied, wenn du Texte von Männern oder Frauen liest?
Nein. Meistens nicht. Auf keinen Fall ist das im Schreiben so erkennbar. Dafür hat sich die Gesellschaft viel zu sehr angeglichen: Frauen werden nicht mehr bloß auf „Gefühl“ reduziert.
Als Lektorin habe ich mehr mit Autorinnen zu tun, weil mehr Frauen schreiben. Ich habe manchmal jedoch den Eindruck dass Frauen stärker an ihren Texten hängen und emotionaler damit verbunden sind, während Männer eher auf der sachlichen Ebene bleiben und Kritik nicht so persönlich nehmen. Besonders natürlich bei autobiografischen Manuskripten. Frauen sind da mehr mit Herzblut dran, haben oft mehr über Persönliches geschrieben – was man aus ihrer Sicht nicht so einfach ändern darf. Manchmal möchte ich aber etwas ändern, um Aussagen verständlicher oder leichter lesbar zu machen und dem Leser einen besseren Zugang zu ermöglichen. Diesen „Kampf“ führe ich daher eher mit Frauen.

Welche Rolle spielen Geschlechter in der Literatur von deiner Position aus?
Verlage haben das Ziel, Bücher zu verkaufen. Sie sind ein Wirtschaftsunternehmen. Frauen kaufen – statistisch gesehen – die meisten Bücher. Und vor allem auch solche, die von Frauen geschrieben wurden. Ich verstehe es nicht immer, aber es ist so. Frauen haben also auf dem Buchmarkt gute Chancen, ihre Bücher zu verkaufen, da werden sie nicht „diskriminiert“.

Worauf achtest du denn, um weibliche Leser zu erreichen?
Man muss das Bedürfnis bedienen. Im Verlag heißt es immer: Die Menschen lesen gern „befürchtetes oder ersehntes Leben“. Krimis auch, Entspannung, Bildung.
Auch die Grafik ist wichtig. Darüber entscheide ich nicht speziell, aber ich werde auch in die Covergestaltung eingebunden: Ist die populärere oder die anspruchsvollere Variante passender? Die Verpackung ist ebenso wichtig wie der Inhalt, das ist nicht untergeordnet. Genauso wie der Titel.

Fühlst du dich als Frau in deinem Beruf auch in einer bestimmten „Rolle“, die du schwer abwerfen kannst oder gar gerne vertrittst?
Im täglichen Umgang können meine Kollegen sachlicher sein und die Person vom Problem trennen – eigentlich ähnlich wie bei dem eben beschriebenen Autorinnen-Phänomen. Natürlich kommt es immer wieder mal zu Konflikten mit dem Vorgesetzten oder zwischen Abteilungen. Das ist ja ganz normal, wenn Menschen miteinander zu tun haben.
Aber an sich arbeiten wir im Verlag recht frei. Manuskripte ablehnen kann ich auf eigene Verantwortung. Was Texte annehmen angeht, so kann ich Empfehlungen aussprechen. Wenn mir viel an etwas liegt, kann ich das auch wirklich einbringen. Wenn der prognostizierte Verkauf jedoch laut Chef zu klein ist, hab ich auch keine Chance – als diskriminierend empfinde ich das jedoch nicht. Wirtschaftlichkeit ist leider immer eine Zwangsjacke, und jeder Verlag kämpft um guten Umsatz. Da muss man sich was einfallen lassen. Zum Beispiel „Non-Book-Artikel“, die macht inzwischen fast jeder Verlag, also Sachen wie Teedosen, Geschenkartikel … Das kaufen Frauen auch gerne!

Welche gesellschaftliche Kraft schreibst du Literatur zu?
Früher war Literatur zumindest in intellektuellen Kreisen noch von größerer Bedeutung und konnte dadurch in gewissem Maße gesellschaftlich Einfluss nehmen. Mittlerweile werden Probleme eher durch die große Bandbreite der modernen Medien thematisiert und diskutiert. Im unteren Milieu werden keine Zeitungen oder Bücher gelesen, durch Zeitschriften und Fernsehen werden vielleicht noch die meisten Menschen erreicht.
Man muss provokant sein und in den Medien widergespiegelt werden. Wenn Autoren durch die Talk-Shows gereicht werden, machen sie sich interessant, sodass man auf das Buch aufmerksam wird. Das hat viel mehr Wirkung als das Feuilleton!

Was würdest du auf dem aktuellen Markt gerne ändern?
Die Kurzlebigkeit. Immer mehr Bücher werden nur für ein halbes Jahr auf den Markt geworfen. Immer mehr Titel, immer kleinere Auflagen. Das ist nur frustrierend, sowohl für die Autoren, als auch für die die Verlage. Das macht den Markt kaputt. Aber jeder muss mitmachen, denn wer kann da aussteigen?

 

Wir bedanken uns bei Eva Maria Busch für das Interview, das am 25.12.2015 geführt wurde.