„Écriture féminine“ mit Benjamin Lebert

Schreiben Frauen anders als Männer? Gibt es Punkte an denen wir das festmachen können?

Der französische Begriff „Écriture féminine“ (dt.: „Weibliches Schreiben“) wurde in den 80er Jahren unter anderem von der Psychoanalytikerin und Kulturtheoretikerin Luce Irigaray und der Schriftstellerin Hélène Cixous geprägt. Die „Écriture feminine“ wird zudem mit dem Feminismus assoziiert, als eine Art Kampf gegen die festgesetzte, patriarchale Ordnung.

Gibt es einen Unterschied zwischen dem männlichen und dem weiblichen Schreiben?
Meiner Ansicht nach gibt es einen Unterschied. Jegliches Vorgehen, wenn eine Frau versucht, sich in einen Mann einzufühlen und umgekehrt, ist ein sehr tapferes und doch ein vergebliches Unterfangen. Es ist genauso, wie wenn man versuchen würde, aus der Sicht eines Elefanten zu schreiben, das ist ein Zitat von Barbara Gowdy. Sie hat tatsächlich einen Roman über Elefanten geschrieben und äußerte, es wäre einfacher gewesen, über einen Elefanten zu schreiben als über einen Mann.

„Weibliches Schreiben ist, das Etwas nicht zu opfern oder zu töten und stattdessen am Leben zu halten, zu umfangen und zu beschreiben.“

Worin genau liegt der Unterschied?
Meinem Empfinden nach ist das männliche Schreiben ein sehr dominantes, zielgerichtetes und eroberndes Schreiben. Es ist darauf aus, etwas zu opfern, bloßzulegen und gar zu töten. Wie ein Scharfschütze versucht das Tier zu treffen. Den entscheidenden Aspekt einer Geschichte ans Messer zu legen. Wie wenn Biologen etwas töten, um es anschließend näher erforschen zu können. Die Frage, wer der Mörder in einem Kriminalfall ist, ist den Männern wichtiger als einer Frau.
Weibliches Schreiben ist, das Etwas nicht zu opfern oder zu töten und stattdessen am Leben zu halten, zu umfangen und zu beschreiben. Frauen versuchen nicht ein Ziel zu treffen, einen kleinen, schwarzen Punkt in der Mitte von allem, sondern sie versuchen, das Wesen der Dinge zu empfangen. Vergleichbar mit einem Nebel, der den Tag ausfüllt. Meiner Meinung nach ist es kein harsches Schreiben, wobei es natürlich Ausnahmen gibt, es ist eher eine Annäherung über das Verstehen und die Emotionalität ist größer.

Es gibt Stimmen, die sagen, dass Frauen poetischer schreiben können. Ist das wahr?
Nein. Poesie kommt durch die Leidenschaft, die man hineingibt. Und Sehnsucht ist nicht gekoppelt an ein Geschlecht.

Mir kommt die Frage auf, ob Frauen detaillierter schreiben? Ob sie das Unbewusste eher erkennen?
Es erweckt den Anschein, dass Frauen länger in ihrem Schreiben verweilen können. Sie können sich dann mehr auf Situationen, auf Szenen einlassen als es vielleicht Männer können. Das Interessante bei diesem Komplex, wie ich ihn gerade geschildert habe, ist, dass Männer vielleicht schneller am Ziel sein wollen und oft den schnelleren Weg gehen, aber nicht schneller am Ziel sind als die Frauen. Das ist das Tolle. Frauen nehmen den umfassenderen Weg. Das spricht nicht gerade für die Männer.

Die Frau im Literaturbetrieb – bestehen dort Unterschiede? Was ist Ihnen aufgefallen?
Wenn es um die Vermarktung geht, wird eine Frau die nicht hübsch ist viel härter angefasst als ein Mann, der nicht hübsch ist. Wenn sie es aber ist – und das ist das furchtbare und absurd widersprüchliche in diesem Fall – und ein tolles Buch geschrieben hat, wird ein großes Foto von ihr abgedruckt und dann steht in dem Artikel drin, das Buch sei ja nur so erfolgreich, weil sie hübsch ist.
Es kommt hinzu, dass Männer – zumindest viele die ich kenne – Frauen den schreiberischen Beruf nicht gönnen. Das war in der Literaturgeschichte so und in der Geschichte von Männern und Frauen überhaupt. Es könnte sein, dass dem so ist. Und ich glaube, die Tendenz ist da, dass Frauen härter im Literaturbetrieb angefasst werden.

Ich bedanke mich herzlichst bei Benjamin Lebert für das Interview, das am 28.12.2015 geführt wurde.

Der Autor
Benjamin Lebert, Jahrgang 1982, lebt in Hamburg. Er hat mit zwölf Jahren angefangen zu schreiben. 1999 erschien sein erster Roman Crazy, der in 33 Sprachen übersetzt und von Hans-Christian Schmid fürs Kino verfilmt wurde. Zuletzt erschien 2014 von ihm bei Hoffmann und Campe sein Roman Mitternachtsweg.

Bild mit freundlicher Genehmigung von Von Amrei-Marie - Selbst fotografiert, CC BY-SA 3.0 de