In der Kabine 665 der Fähre zwischen Portsmouth und Le Havre, auf der glatten Wasserfläche des Ärmelkanals, unter dem eisklaren Winterhimmel, noch war kein Frankreich in Sicht, rollte die leere, fiel die letzte Tequilaflasche auf den hellblauen Kunstfaserteppich. In der Spiegelung des Flaschenbauches sah Margerie Bonner, auf verbrannten Handballen und Knien kauernd, ihren Mann, den Jahrhundertromancier Lowry, sich aufrichten. Er hält sich die hohe, gerade Stirn und seine engstehenden, lebensmüden Augen beginnen zu tränen, der besoffene Körper zu zittern, zu schluchzen. Dieses Jahr hat er zwei Mal versucht sie zu erwürgen.

Sie liebte die Hippies! So nackt, so frei, so frisch, wie wir damals. Zu irgendeinem Zeitpunkt hatte das Schicksal sich von ihrem Körper abgewendet und sie in eine Aura ewiger Dreißigjährigkeit entlassen. Vielleicht war es in dem Moment, als sie das Begehren vom Hitler bemerkte und nicht zurückwies. Sie hatte die Jahre nach dem Krieg bis 68 verachtet. Die spruchkammerbeschlossene Mitläuferin und Meisterregisseurin trocknete sich die gefärbten Haare. Das Hippiepärchen warf sich Handtücher um, die Neoprenanzüge lagen am Schiffsboden, gallertartig, der stille Schiffsjunge nahm ihr die Gasflasche ab. Patrick, eine afrikanische, eine archaische Schönheit machte die Faust zum Gruß: Congrats Leni! Brilliant. Sie setzte sich mit ihm auf die wankende Schiffsreling und rauchte eine Zigarette, sie schämte sich für die tiefen Abdrücke der Tauchmaske in ihrem sonst faltenfreien Gesicht. Patrick bemerkte es nicht. Der kenianischen Sonne war es egal.

Der echte Außerirdische Sigfried Norra sprach auch an jenem Abend mit einem Headset in seiner Wohnung in Porz per Livestream zur gesamten Menschheit: „Seid clever genug, ihr wisst was los ist auf der Erde. Ihr spürt es alle hier. Alle sagen es mir, ich bin hier jede Nacht im Skype. Ich habe jede Menge Trolle auch hier, die mich versuchen aufzuhalten. Mich konnte noch nie einer aufhalten. Mich wird auch keiner aufhalten. Ihr habt keine Vorstellung von einem Außerirdischen. Lasst den Versuch, mich irgendwie zu behindern. Ihr habt ja keine Ahnung. Die könnt ihr kriegen. Macht mit! Macht mit uns mit! Nicht mit denen. Das Geld ist Papier, das die haben. Und die nehmen keine Rücksicht auf euch. Gar nix. Die verbrennen euch. Die verheizen euch. In Kriegen. Oder sonstwo. Hört euch das ma alles an, was wir haben. An Informationen. Die benutzen euch nur. Die zerstückeln euch. Die schlachten euch. Die erzählen euch nix, was wahr ist, was modern ist, von freier Energie und so weiter. Ihr schuftet noch mit alten Kohlen und heizt noch mit Öl und Gas und was weiß ich. Wacht auf, sag ich euch. Und wenn ihr noch. Und, wenn ihr noch nie Außerirdische gesehen habt, dann wird das Zeit, dass ihr in den Himmel guckt. Der Himmel ist voll davon, aber die machen Chemtrails, damit ihr nix seht. Nicht nur, dass die euch vergiften, ihr dürft auch nicht sehen, wenn Raumschiffe am Himmel stehen. Alles verbergen die. Alles. 60 Prozent der Menschen sind da, um alles Mögliche zu verbergen.“

„Drei historischen Minuten“ ist ein Auszug aus dem im 1%ofOne-Verlag erschienenen Buch Goodbye Weekend, mit Photographien von Mitko Mitkov.

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