Was sagen uns die Titel literarischer Werke? Welche Gesten senden sie aus? Und was sagen diese Gesten über den Geschmack der Zeit, darüber, was die Leser erwarten und was die Autoren ihnen als Erwartung suggerieren?

Es gibt deutliche Unterschiede zwischen den verschiedenen gestischen Moden in den letzten sechzig Jahren. Wer sein Buch Zettel’s Traum nannte, konnte in den Fünfzigern davon ausgehend, dass die Mehrzahl der Literaturinteressierten Shakespeare damit in Verbindung bringen würde. Heute müsste man befürchten, dass viele, die dem Titel begegnen, das Buch für eine Geschichte über einen schläfrigen Messi halten und zudem glauben, es sei ein Selbstporträt des Autors. Ähnliches gilt für Hamlet oder die lange Nacht hat eine Ende. Um mit dem Titel etwas anfangen zu können, musste man wissen, wer Hamlet war und vor allem, was mit ihm los war. Einen Roman Doktor Faustus zu nennen, grenzte schon damals an Hybris. Man verzieh es dem Autor aber, weil man sich germanistisch herausgefordert fühlte und was konnte man von einem deutschen Dichter mehr verlangen.

Anspielungen auf Bildungsfragen waren in den fünfziger und sechziger Jahren der letzte Schrei. Gleich darauf kam die verschlüsselte Botschaft aus der Agentensphäre auf. Die Romane hießen nun Mein Name sei Gantenbein, Bericht über Bruno oder Das dritte Buch über Achim, auf den ersten Blick undurchdringliche Anspielungen, die aber endlose Vermutungen über bürokratische Untiefen in den Lebenswelten diesseits und jenseits des eisernen Vorhangs aufkommen ließen.

Die Dichter gaben sich rätselhaft und die Leser folgten ihnen gern, denn sie hielten Literatur für eine rätselhafte Angelegenheit. Das in den Schulen eifrig geübte Interpretieren verwechselten die meisten mit dem Lösen eines Rätsels. Im Zuge dieser Mode kamen auch seltsame Tiere ins Spiel, die tiefschürfende Botschaften zu transportieren hatten, Tiere zudem, mit denen man eher selten zu tun hat wie Schnecken, Butte, Rättinnen oder Unken. Auch die Anspielung auf die abdankende Geschichtsphilosophie kam in den Siebzigern gut an, wie man etwa in Die erdabgewandte Seite der Geschichte erkennt, ein Titel, der so stark war, dass man das Buch vom Fleck weg kaufen musste.

Die Dichter gaben sich rätselhaft und die Leser folgten ihnen gern, denn sie hielten Literatur für eine rätselhafte Angelegenheit.

Die Postmoderne versuchte durch Vexierspiele zu glänzen und kreierte Titel wie Die Insel des vorigen Tages oder Der Garten der Pfade, die sich verzweigen. Absolut hip war um 1990 Die Enden der Parabel, ein Buch nicht nur für Mathematiker. Auch Wenn ein Reisender in einer Winternacht kam gut an; darin ist das Rätselhafte mit der spielerischen Hypothese eine unschlagbare Verbindung eingegangen. Titel wie Der Baron in den Bäumen oder Der Ritter, den es nicht gab sind Klassiker aus dieser hoch inspirierten Geschmacksphase. Augenzwinkern gehörte zum gestischen Grundrepertoire des Autors zum Anfassen, der zu Zeiten hoch im Kurs stand. Und die Leser warteten nur darauf, dass ihnen zugezwinkert wurde und dass sie bei Lesungen fragen durften, ob dies oder das autobiographisch sei.

Heute hat sich das völlig verändert. Um es an Titelbeispielen ehemaliger Hildesheimer zu verdeutlichen: Im Jahre 2015 hieß ein Debütroman Ich bin gleich da. Er wurde kurz darauf mit dem Titel eines anderen Debüts komplettiert, welcher lautet Hier bin ich. Da dieses vereinzelte Bekenntnis nicht zu genügen schien, hieß die nächste Premiere einer ehemaligen Hildesheimer Schreiberin Wir kommen. Und da nun ungünstigerweise alle wie verabredet an einem bestimmten Ort versammelt zu sein schienen, war es nur konsequent, den nachfolgenden Erstling Niemand ist bei den Kälbern zu nennen.

Die Geste im Titel hat sich grundlegend geändert. Es sind jetzt Minimalgesten, ohne Rätselanspruch, ohne hypothetische Aufgabenstellung, ohne Spieleinladung und garantiert ohne Wissensanspielung. Hier bin ich ist die ultimative Aussage über jemanden, über den vor allem zu sagen ist, dass jetzt er da ist. Wir kommen hat zumindest noch eine gewisse Mehrdeutigkeit zu bieten, wobei die Befürchtung überwiegt, dass nun lauter Leute kommen, die nicht mehr über sich sagen werden, als dass sie eben gekommen sind. Offenbar gibt es gerade viele Menschen, die das spannend finden. Doch die Zeiten scheinen sich auch schon wieder zu ändern. Neuerdings wagen sich barockisierende Titel vor wie Die Erfindung der roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Jahre 1969 oder mit regionalem Einschlag und ebenfalls aus einer in Hildesheim gespitzten Feder Als die Omma den Huren noch Taubensuppe kochte.

Insgesamt überwiegt jetzt die risikolose Titelgebung für das unspezifische Lesepublikum, Titel, mit denen man und frau sich umstandslos in Bezug setzen können und die man und frau schnell vergessen können, denn die nächste Titelwelle rollt  ja schon an. Aber darüber sollte man nicht verzagen. Es ist für die Literatur wichtig, dass es weiter geht, denn Schlafen werden wir später.

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