Didu-‚o

Soyl Industries S.A., Sede Colombia, Carrera 52 # 9BS-45, Medellín, Antioquia, Kolumbien

An Margaret Briggs
CER Berkeley
2420 Bowditch Street #5670
University of California, Berkeley
Berkeley, CA 94720-5670

Medellín, d. 01.08.20xx

Professor Briggs,

ihre Arbeit am CER Berkeley und ihre Expertise über die soziokulturellen Strukturen indigener Völker im Amazonas-Regenwald machen Sie zu einem der führenden Ethnologen auf diesem Gebiet. Als Vertreter von Soyl Industries ist es mir daher ein Anliegen, mit einem Auftrag an Sie heranzutreten, von dem beide Seiten profitieren können.

Vor wenigen Wochen entsandt Soyl Industries ein Scout-Team in bisher unerschlossenes Gebiet im brasilianischen Amazonas-Regenwald mit dem Ziel, neue Anbaugebiete für unsere Sojaproduktion zu erkunden. Bei dieser Mission fand das Team eine Tasche mit einer in Leder eingebundenen Kladde. Inhalt des Schriftstücks ist der Bericht einer Person, die nach einem Flugzeugabsturz etwa zwei Jahre lang unter einem bis dato unbekannten Eingeborenenvolk gelebt hat. Aufgrund des feuchtwarmen Klimas befindet sich das Schriftstück in bedauernswertem Zustand. Etliche Seiten sind stark von Schimmel befallen und unleserlich. Bisher konnten wir nicht bestimmen, wie lange die Kladde bereits dieser Witterung ausgesetzt gewesen sein muss, Schätzungen zufolge kommt ein Zeitraum zwischen zwei und acht Jahren in Betracht. Aus verschiedenen Gründen ist der Inhalt des Dokuments für die ethnologische Forschung von hohem Interesse. Essentielle Passagen daraus senden wir Ihnen hiermit zu, damit Sie sich selbst ein Bild davon machen können.

Zur Identität des Autors finden sich kaum Anhaltspunkte. Auch ist uns nichts von einem vermisst gemeldeten Leichtflugzeug aus dem vermutlich in Betracht kommenden Zeitraum bekannt. Das Originaldokument ist auf Spanisch verfasst. Aufgrund bestimmter Modismen und (hier nicht aufgenommener Textpassagen) nehmen wir an, dass der Autor kolumbianischer Herkunft ist. Auch sind wir zu der Überzeugung gelangt, dass es sich um einen männlichen Autoren handeln muss, wenngleich die Handschrift dezidiert feminine Züge aufweist, und der Gebrauch Ich-bezogener geschlechtsspezifischer Worte im spanischen Original seltsamerweise zwischen den Geschlechtern alterniert (zur besseren Lesbarkeit haben wir das Dokument ins Englische überführt). Was ihn zur Flucht bewegt hat, ist uns noch unbekannt, wenngleich wir aktuell Theorien prüfen, die an dieser Stelle jedoch irrelevant sind.

Wir bitten Sie, sich die Zeit zu nehmen und die folgenden Seiten aufmerksam zu studieren. Auslassungen sowie behutsam ergänzte Passagen sind durch eckige Klammern markiert.

[…] dass es unmöglich ist, das Erlebte in verständlicher Weise auszudrücken. Nicht einmal ihre Sprache könnte das. Soweit ich in all der Zeit (müssen es nicht bald [zwei] Jahre sein?) ein Verständnis für ihre Art sich auszudrücken erlangt habe, sind sie unfähig, über die Vergangenheit zu sprechen. Alles geschieht im Jetzt. Die Worte ihrer Sprache in einen schriftlichen Ausdruck zu pressen, hieße, niemals wie sie sein zu können. Vieles ist mir nach wie vor unklar. Wenn sie von sich sprechen und das Wort benutzen, das ich als »Drong« verstehe, glaube ich, dass wir dazu neigen würden, es als »Mensch« zu übersetzen. Da »Drung-un« aber in der Erziehung eine wichtige Rolle spielt, könnte »Drong« auch »Erziehende« bedeuten, »Erklärende«; oder aber »die den Weg weisen« oder »Nomaden« (»dro‘« = Weg (?)). Gleichzeitig habe ich noch nie eine so flüssige, so formbare Sprachkultur erlebt. Laufend (!) passen sie […]

[…] [weswegen] ich mich in den ersten Wochen immer wieder vom Dorf entfernt habe, um die Überreste der Cessna zu suchen (erst nach einiger Zeit fand ich heraus, dass niemand sonst überlebt hatte). Ohne zu ahnen, dass ich den Dschungel nie wieder verlassen sollte, suchte ich verzweifelt nach dem Aktenkoffer. Ich musste die Dokumente sichern! Wie sich viel später zeigen sollte, hatte ausgerechnet Palto, von Allen im Dorf am skeptischsten, was meinen Aufenthalt bei ihnen betraf, und mir gegenüber feindlich eingestellt, das »kantige Leder« vor mir […] Jetzt trage ich die Dokumente in meinen blutbefleckten Händen, doch […]

Wie sollte ich ahnen, der (1) ich keine zwei Blattriesen voneinander zu unterscheiden imstande gewesen bin, dass wir uns permanent durch den Wald bewegt hatten? Ihr »Dorf«, nie im Stillstand, gleitet durch das stickige Grün wie ein kolossaler Steinquader zu den Pyramiden. Nimm hinten etwas weg, beweg es nach vorne, und das ganze Ding kann ein Stückchen weiter geschoben [werden. Ihre] Ernsthaftigkeit, wenn sie mich dann im Wald aufgegriffen und in das Dorf zurückgeführt haben, wirkte bedrohlich. Diese kräftigen, wenn auch eher undefinierten Körper, nicht sonderlich groß, aber mit erschütternder Präsenz, die einfachen, tödlichen (wie ich […]) [Speere, die] sie nie einfach nur mit sich trugen – heute muss ich lachen, wenn ich daran denke, dass ich mich vor ihnen fürchtete. Sie waren es, die sich fürchteten. Davor nämlich, […]

(1) Original: »quien«, geschlechtsneutral. Zu Vermutungen über das Geschlecht des Autors siehe oben.

[…] ich mich heute wieder vor ihnen fürchte, vor ihnen fürchten muss, da ich ja unbedingt […]

[…] es seltsam, dass sie mich bei den Kindern (2) ließen. Wie diese konnte ich mich frei durch das Dorf bewegen. Meine anfängliche Scheu, in die Schatten der einfachen Blatthütten zu treten, legte ich bald ab. Dabei halfen meine eigene Neugier und die Nähe zu Chinuk. Chinuk war eines dieser seltsamen Wesen, die ich Kinder nennen will. Die Distanziertheit der Erwachsenen zu ihnen, die an mutwillige Missachtung grenzte, war mir vollkommen unverständlich. Wie konnte eine Gemeinschaft ihre Nachkommen derart unbeachtet lassen? Dass ich mich darin täuschte, lernte ich früh. Wie sehr ich mich täuschte, erst gegen Ende. […] Chinuk nahm mich bei der Hand, wie die Kinder es untereinander zu tun pflegen, wie die Erwachsenen auch, nie aber Erwachsene und Kinder untereinander, und führte mich durch das Dorf. Dieses Kind ging ohne ein Zeichen der Ehrfurcht oder des Respekts vor Autoritäten in die Hütten und hielt sich dort auf. Mal bei diesen, mal bei jenen Erwachsenen. Mal ein paar Stunden, mal ein paar Tage, sich ungefragt von ihrem Essen bedienend, ungefragt auf ihren Schlafstellen verweilend. Nie redete es dabei zu ihnen, nie sie mit Chinuk (war ein Schlafplatz von einem Kind belegt, verbrachte die sonst dort lebende Person die Nacht im Freien). Die einzigen Erwachsenen, die überhaupt mit den Kindern sprachen, waren die »Lehrenden«(3), wenn ich sie so nennen darf (»Drung-un«). Sie gehörten zu den schönsten Menschen, die ich je das Glück hatte, in meiner Gegenwart zu wissen. Mich behandelten sie freundlich, beinahe ehrerbietig. Auch waren sie die einzigen Erwachsenen, die sich die Mühe machten, Worte an mich zu richten.

(2) Im Original wechselt der Autor im Text in nicht nachvollziehbarer Weise zwischen dem Gebrauch der maskulinen Form »niño/s« und der femininen »niña/s«. Gleiches gilt für andere Begriffe, wie »Erwachsene«: »adulto/s« bzw. »adulta/s«, oder Pronomen: »los/las Drong« , etc.

(3) im Original: »Generalmente, los únicos adultas, hablando con las niños, eran los / las »docentes« …«

[…]

Es dauerte eine Weile, bis ich zum ersten Mal das Ritual bezeugen konnte. Nun, bezeugen ist zu viel gesagt. Ich wurde des Rituals gewahr. Sie nahmen eines der älteren Kinder, Tanaka mit Namen (ich erinnere mich gut daran, denn Tanaka hatte viel Zeit mit Chinuk und mir verbracht), und führten es in eine große, für ihre Verhältnisse massive Hütte aus enormen, an den Rändern ausfransenden Blättern über einem Bambusgerüst, die speziell für das Ritual errichtet worden war. Vielleicht war es zu diesem Zeitpunkt, dass ich erkannte, dass wir uns bisher ständig durch den Dschungel bewegt hatten, denn solange aus dem Inneren der Hütte Gesänge drangen, blieben wir am gleichen Ort. Vier Nächte und drei Tage lang stießen die gutturalen Töne in auf- und abschwellenden Rhythmen zu uns hervor. Die Erwachsenen waren seltsam erregt. Nervös nahmen sie rings um das Dorf Positionen ein und hielten Ausschau. Mehr als einmal, wenn ich mich im Dickicht erleichtern wollte, schnellte ein Speer vor mir aus den Schatten, den Weg blockierend. Niemand durfte das Dorf […]

Während ich also zwischen den kammartigen Wurzeln eines grünen Riesen kauerte und der auf uns niedertosende Regen so selbstverständlich geworden war, dass ich mich fragte, ob er aus meinen Haarwurzeln hervorquoll, stiegen in mir die düstersten Phantasien auf. Hörte ich Tanaka schreien oder reagierten die Wildvögel über uns auf die Gesänge? War es ein Strafzeremoniell? Was sollte das Kind verbrochen haben? Nichts an Tanakas Verhalten war mir bis dahin auffällig erschienen. Nach welchen Regeln lebten sie hier? Wer hatte das Sagen? Die in der Bambushütte? Wen hatte ich hineingehen sehen? Waren es Männer gewesen oder Frauen? Und wie sollte ich sie voneinander unterscheiden? Sie alle schienen Brüste zu haben, wenn auch kleine. Es gab keine geschlechtsspezifischen Kleidungsstücke und keine geschlechtsspezifische Körperbehaarung. Selbst ihre Stimmen waren weder besonders tief noch besonders hoch. Eine Zeit lang nahm ich an, ich sei in einen reinen Frauenstamm geraten, der sich dem Schutz der Kinder widmete, die sie vor den Männern schützen müssten, die irgendwo dort draußen lauerten. Die Phantasie ging mir durch. Waren die Kinder alle vom gleichen […] mit dem Ende des Rituals. Tanaka wurde nach draußen geführt, nackt, sichtlich erschöpft und innerhalb weniger Tage um Jahre gealtert. Tanaka hatte einen Penis. Und Tanaka hieß nicht länger Tanaka. Sie hatten ihm einen neuen Namen verpasst. Lofa. Sie kleideten ihn neu ein, gaben ihm einen der Gurte, an denen Feilen, Kämme, Nadeln und anderes Werkzeug angehängt waren, und behandelten ihn wie einen der ihren. Mit Chinuk und mir aber wechselte er fortan kein Wort mehr.

Von all den seltsamen Dingen, die ich während meiner Zeit mit ihnen erlebte, war das Ritual das erschreckendste, das faszinierendste, was auch daran liegen mag, dass es in ihrer Sprache kein Wort dafür gibt. Es geschieht einfach. Bis heute bin ich nicht dahinter gekommen, in welchem Rhythmus es stattfindet. Manchmal liegen Wochen, dann wieder nur Tage dazwischen. Das Unbehagen, das ich beim ersten Mal spürte, wurde ich nie [los. Nach welchen Kriterien die Kinder ausgewählt werden, wann sie also] »reif« dafür sind, auch das blieb mir bis zum Schluss ein Rätsel.

An dieser Stelle halte ich es für notwendig, ein paar Worte zur Kindererziehung zu verlieren. Wie bereits erwähnt, scheinen sich die Drong kaum für ihren Nachwuchs zu interessieren. Im Laufe meines Aufenthaltes musste ich jedoch erkennen, dass sie im Gegenteil […] während die »Drung-un« innerhalb der Erwachsenengesellschaft in höchsten Ehren gehalten werden. »Kind« zu sein, also keine spezifische Rolle für den Fortbestand spielen zu müssen, sondern einfach »sein« zu dürfen, gilt ihnen als das eigentliche Lebensideal. Erwachsene existieren allein, um die Kinder zu nähren, sie zu beschützen. Zu den ersten Ausdrücken, die ich in ihrer Sprache lernte, gehörte die Frage »Didu-‘o?«, was soviel bedeutet wie »Was ist das?«. Die Antwort darauf lautet »Didu-‘o … «, also »Das ist … «. Die Bezeichnung für »Kind« in der Sprache der Drong ist »Didu«. Was kann es anderes bedeuten als [»Seiende«?] […]. Warum aber wurde ich in den Kreis der Didu aufgenommen? Genau wie ihnen erteilten die Drung-un mir Unterricht. Dabei gingen wir zu den Ptang, sahen ihnen bei ihrem Drill zu und schlichen mit ihnen durch das Dickicht, beobachteten die Quaso bei der Jagd, lernten, welche Kräuter die Rama sammelten und wie man sie zubereitete (Didu verließen das Dorf jedoch nie weiter als ein paar Dutzend Meter ohne die Begleitung durch [Drung-un]) […] Grund, weshalb Handarbeiten nie in Hütten, sondern stets unter dem Blätterdach ausgeführt wurden, lag ohne Zweifel daran, dass wir nur so daran teilhaben […] verstanden, dass ohne Ausnahme nur die in allen Bereichen des täglichen Lebens begabtesten Didu als Drung-un aus dem Ritual hervorgingen. Rückblickend wundere ich mich darüber, mich nicht schon früher gefragt zu haben, was mir noch bevorstehen sollte. Dass ich immer noch am Leben bin, hat zweifellos damit zu tun, dass ich die größten Talente als Quaso aufwies. Sicherlich hätten sie mich dazu ernannt, wäre ich durch das Ritual gegangen. Meine Reflexe und meine Umsicht im Umgang mit dem Dschungel waren hervorragend geschult. Jetzt bin ich froh, meinen Weg relativ unerkannt durch das Dickicht finden zu können, und zu […]. Und doch bin ich sicher, sie auf meiner Spur zu wissen.

[…] Zeitlang in Harmonie mit ihnen und dem brodelnden Leben um mich herum. […] vollkommen den Phasen des Mondes angepasst. Die Feinheiten der Körperhygiene, die den »unseren« in nichts nachstanden […] ich dies schreibe, wandert meine Hand in die Tasche meiner Tunika, in der ich die »Zahnbürste« aus dem Holz des Mamako Busches aufbewahre. Wir hatten nichts, was wir nicht brauchten, um wirklich zu leben. Kaum etwas aus meinem vorherigen Leben trauerte ich nach. Aber spürte ich nicht damals schon diese Neugier, die letzten Endes […] Neugier aus einer früheren, hektischen Existenz zwischen Datenverarbeitung, Nutzfreundschaften und überholten Konventionen, die ich, ohne mir darüber Rechenschaft abzulegen, mehr und mehr hinter mir ließ. Dass mir das nicht ganz gelang, merkte ich daran, wie sehr es mich störte, obwohl wir die meiste Zeit gemeinsam verbrachten, dass ich nach wie vor nicht wusste, was Chinuk nun eigentlich war. Davon wurde ich aber bald abgelenkt, denn die meiste Faszination ging von Broka aus. Broka gehörte noch nicht lange zu den Ptang. Hier geschah es zum ersten Mal, dass ich mich wieder als Mensch mit sexuellen Neigungen betrachtete. Auch war es das erste Mal, dass mir auffiel, dass ich nicht sagen konnte, wer mit wem schlief. Selbst schwangere konnte ich nicht klar als »Frauen« identifizieren (4), was sicherlich daran lag, dass sie […] dass Zuneigung, auch sexueller Natur, nichts mit Reproduktion zu tun hatte. Jetzt, da ich dies schreibe, kommt es mir befremdlich vor, wie es mit so vielen Dingen erst dann geschieht, wenn sie in Sprache überführt werden. Im Alltag erlebte ich Zuneigung unter den Drong als ehrlicher und echter, als […] (5). Vielleicht, wenn ich den Aktenkoffer nicht eines Tages bei einem »Umzug« in Paltos Händen entdeckt hätte … (6) ich bezweifle, dass ich jetzt, da ich die Dokumente wieder in den Händen halte, noch etwas mit ihnen werde ausrichten können. Die unglaublichen […] Ausmaßen auslösen würden, jetzt sind sie nur mehr Tinte auf Papier. Aber das ist ja nicht der einzige Grund, weshalb ich fliehen musste.

(4) Was genau der Autor damit meinen könnte, ist uns nicht ganz klar. Wir erhoffen uns Erkenntnisse darüber aus Ihrer Expertise.

(5) Welche Implikationen hieraus ersichtlich werden, ist offenkundig, und lädt zu Spekulationen über die Natur dieses Volkes und des Autors ein.

(6) Auslassung wie im Original

[…] als Palto [plötzlich] vor mir erschien. Die dunklen Augen hasserfüllt auf mich gerichtet, war ich mir sicher, dass der Speer mir nur deshalb nicht durch die Kehle fuhr, weil dies ein viel größeres Sakrileg dargestellt hätte, als jenes, von dem ich durch das Erscheinen dieser gedungenen Gestalt abgehalten wurde. Dennoch war ich mir sicher, irgendwann mit Palto aneinanderzugeraten. Bis dahin musste ich noch viel lernen. Entdeckt worden zu sein, bedeutete nichts anderes, als dass ich noch nicht so weit war. Chinuk kam aus den Büschen, nahm mich bei der Hand und zog mich, ohne die Gegenwart Paltos auch nur zur Kenntnis zu nehmen, oder zu fragen, weshalb ich mich dort aufhielt, wieder [tiefer ins Dorf]. Zu erfahren, was mich einfach nicht losließ, musste noch warten. Hätte ich es tatsächlich getan, wenn ich gewusst hätte, was nicht nur mir, sondern auch Chinuk durch meinen Verrat [bevorstand]?

[…]

[Nicht] alle kehrten wieder. Manche mussten gestützt werden. Lofa hatte gegen Mittag die Näh- und Schnitzarbeiten aus der Hand gelegt und den ganzen Tag über im Ramazelt ausgeholfen. Woher sie wussten, dass die Ptang in dieser Nacht zurückkommen würden, weiß ich nicht. Aber sie waren vorbereitet, entfachten das erste Zentralfeuer im Dorf, seit die Gruppe aufgebrochen war, umkreisten es mit ihren Kräuterschalen, dann und wann ein wenig von deren Inhalt ins Feuer sprenkelnd, und stimmten einen tief aus den Kehlen kommenden Singsang an. Die Ptang ließen sich am Rand des Dorfes nieder, manche [legten sich hin.] Wir Didu bildeten einen Kreis um sie herum, ohne dabei ein Wort zu sprechen. Nicht einmal jetzt, da das Dorf wieder sicher war, richteten […] während ich hingehen, sie umarmen und ihnen danken wollte! […] wo das Mondlicht durch das Blätterdach brach und ihre Gesichter, ihre Leiber und Speere bestrich, spiegelte es sich in dunklen Flächen und Krusten, die es schwer machten, Einzelne voneinander zu unterscheiden. Lofa und die Rama traten bald in den Kreis und versorgten die Ptang. Das ungute Gefühl, Broka zum letzten Mal gesehen zu haben, bewahrheitete sich am nächsten Morgen. Broka war nicht wiedergekommen und in mir etwas zerbrochen. Ich sprach Chinuk darauf an, aber es war, als hätte es Broka nicht gegeben. In ihrer Sprache gibt es kein Wort für die Toten. Hatte ich den Ausblick, irgendwann selbst durch das Ritual gehen zu müssen, zuvor zumindest akzeptiert, übte die Perspektive, Drong zu werden, ohne mich Broka endlich nähern zu können, keine Anziehung auf mich aus. Die Traurigkeit, die mich ergriff, separierte mich von den anderen Didu. Selbst Chinuk konnte mich nicht [aufheitern], versuchte es aber auch gar nicht. Sie verstanden nicht, was in mir vorging. So kam es dann auch, dass ich mich endlich entschied, […]

[…] Hektik des Augenblicks ging alles ganz schnell (7). Palto sah im schwachen Nachtlicht von mir zu Chinuk und wieder zu mir zurück. Mich seitlich zu Palto stellend und den angespitzten Knochen unauffällig hinten aus meinem Gürtel ziehend, machte ich mich bereit, […]. Palto aber verzog das Gesicht nur zu einer schmerzerfüllten Maske und [legte auf Chinuk] an. Ganz langsam. Warum Chinuk nicht [fortlief, nicht schrie], ich weiß es nicht. Während des gesamten [Vorfalls] war ich umgeben gewesen von diesem Schweigen, […] Ergebenheit in […]. Und was hatte […]? Nichts, das sich ein Mensch nicht [denken könnte]. […] Palto atmete tief durch und senkte […] nunmehr unbedeckten Leib. Ohne nachzudenken, nutzte ich den Augenblick, in dem der Speer […] hieb den Knochendolch von schräg unten […]. Aus der Überraschung, die ich in den jetzt auf mich gerichteten Augen las, konnte ich erkennen, dass eine solche Tat undenkbar, ja, im Weltverständnis der Drong gar nicht […] so natürlich wie möglich in Paltos Hütte, ignorierte die anderen Drong, die bereits schliefen, und durchsuchte die leere Schlafnische.

(7) Der folgende Absatz ist bedauerlicherweise in besonders schlechtem Zustand hinterlassen. Nicht nur sind etliche Passagen stark verschmiert, auch die Handschrift des Autors driftet an vielen Stellen ins Unleserliche.

 

[…] griff nach den Dokumenten und der Kladde, der ich dieses Geständnis anvertraue, ließ den Aktenkoffer in den Büschen nahe am Fluss liegen und umkreiste das Dorf weiträumig, stets auf die, mir mittlerweile so vertrauten, Bewegungen der Nachtwachen achtend. Ob meine falsche Fährte mir genügend Zeit verschafft hat, […]

[…] kein Wort für die [Toten].

Wie Sie sehen können, handelt es sich um ein Dokument von potentiell immenser Bedeutung für Ihr Forschungsgebiet. Deshalb möchten wir Sie und Ihr Team damit beauftragen, sich auf die Suche nach dem hierin beschriebenen Volk zu machen. Wir wünschen nicht, während unserer Arbeit in Widerstreit mit Eingeborenen zu gelangen, weshalb wir Ihnen die Möglichkeit geben wollen, dieses nomadische Volk zu finden, zu untersuchen und ihm den Weg zu sicheren Aufenthaltsorten zu weisen.

Das Schriftstück selbst befindet sich derzeit unter gewissen Auflagen in den Händen eines archäologischen Fachinstituts. Davon erhoffen wir uns die Rekonstruktion spezieller unleserlicher Passagen. Sollten Sie sich bereit erklären, den von uns erteilten Auftrag anzunehmen, gäben wir Ihnen Zugriff auf weitere Informationen, insbesondere den genauen Fundort des Buches, sowie Einsicht in die, Ihnen aus Datenschutzgründen bisher vorenthaltenen, Passagen.

Wir gehen nicht davon aus, den Autoren des Dokumentes noch lebend aufzugreifen. Da es scheint, als wären dem Buch mehrere Seiten entrissen worden, wäre es aus wissenschaftlicher Hinsicht jedoch wünschenswert, die menschlichen Überreste, die fehlenden Dokumentenseiten und etwaige andere Anhaltspunkte zur Identität des Autoren aufzuspüren. Zu diesem Zwecke sind wir bereit, Ihnen zu Ihrer eigenen Sicherheit eines unserer hochqualifizierten Security-Teams an die Seite zu stellen.

Wir hoffen auf Ihr Interesse und freuen uns auf gelungene Zusammenarbeit.

Hochachtungsvoll,

Bild mit freundlicher Genehmigung von Von Sascha Grabow
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