Der literarische Satz. Eine Skizze

Was ist ein literarischer Satz? Wie und worin unterscheidet er sich von anderen Sätzen?

Unsere Arbeit in Hildesheim, insbesondere in den Mentoraten und beim Lektorieren von Texten führt auf die damit angesprochene Ebene der Kritik. Unter Kritik verstehe ich in diesem Rahmen die Befragung des Satzes nach seinem Bau. Der Satz ist aus Wörtern und Phrasen nach syntaktischen und semantischen Regeln gestaltet. Diese Parameter der Gestaltung werden danach ausgerichtet, dass der Satz in einer doppelten Kontextlage steht. Er stellt sich in einen bereits gegebenen Kontext und schafft neue Kontexte, deren wesentliches Kennzeichen wiederum seine Anschließbarkeit ist. Zur Bauweise des Satzes gehört daher wesentlich das Moment der doppelten Anschließbarkeit. Der Satz ist anschließbar an bestehende Kontexte und erschafft gleichzeitig neue Kontexte, die Anschließung  fordern. Die doppelte Anschließbarkeit ist das Initiationsmoment des Satzbaus. Das heißt, jeder Satz wird in eine Lücke zwischen zwei Anschlussstellen gelegt.

Das betrifft alle Sätze und nicht allein den literarischen Satz. Für das Schreiben und das Lektorieren ist es wichtig, einen literarischen Satz von einem nichtliterarischen zu unterscheiden. Genauso wichtig ist es, einen nichtliterarischen Satz als einen literarischen setzen, ihn in einen literarischen Satz transformieren zu können. Worauf ist bei beiden Operationen zu achten? Wie könnte man das Problem angehen, um schließlich die Feststellung: Das ist ein literarischer Satz nicht allein aus einer Gefühlslage zu entscheiden, sondern nach Kriterien der Kritik, also des Satzbaus?

Ein literarischer Satz unterscheidet sich von einem nichtliterarischen Satz im Grad seiner Selbstreflexivität als Satz. Das heißt, der literarische Satz begreift sich selbst als Gesetztes, und zwar in doppelter Weise, 1. in einer Selbstreflexion auf seine Stellung im System der Literatur und 2. in einer Selbstreflexion als rezeptive Suggestion in einem Vermittlungsprozess.

Ad 1: Ein Satz der sich in einem Kontinuum von Formen und Sprechakten erkennt, die bereits als literarische begründet und bekannt sind, setzt sich als literarisches Phänomen. Dabei kann er an bestehende Formen anschließen oder diese attackieren beziehungsweise zerbrechen. Der Satz, der sich auf einen als literarisch bestehenden Horizont bezieht, reflektiert sich selbst als literarischen Satz.

Wenn man etwa einen Satz als Zeile in einem Gedicht schreibt, ist es ein Vers und nicht mehr nur ein gewöhnlicher Satz. Schreibe ich in meinem Gedicht  Ich gehe zum Kühlschrank / und hole die Butter heraus, ist das zwar ein Satz, der durchaus unliterarisch erscheint, aber sich über seine in der Versgestalt angezeigte Bezugnahme zum literarischen System als literarischen Akt versteht und verstanden wissen will. Wenn ich eine Erzählung anstrenge, die so beginnt: Karl Ove ging zum Kühlschrank und holte die Butter heraus, dann könnte das ein nichtliterarischer Satz sein.

Ich gehe zum Kühlschrank / und hole die Butter heraus

Er beinhaltet aber eine Reflexion auf das literarische System und  bereitet  eine literarische Geste dadurch vor, dass er über das epische Präteritum (ging, holte) eine Erzählung ermöglicht, die sich – eben über die Markierung des epischen Präteritums – ins literarische System einschreibt. Eine Erzählung als literarischer Prozess ist allein damit angeschoben, dass das Präteritum als Zeitform des geschriebenen Satzes erscheint. Der Satz eröffnet damit seine literarische Anschließbarkeit. Im Drama ergibt sich die Selbstreflexion auf das Literatursystem allein schon aus der Handlungsfunktion der gesprochenen Rede. Dieser Modus des Satzes ist per se eine literarische Formkomponente. Jeder Satz im Drama steht im Rahmen eines Handlungsverlaufs als konstitutiv für den Verlauf dieser Handlung und weist demnach eine stark akzentuierte literarische Selbstbezugnahme auf. Das aufgezeichnete Sprechen steht nicht für sich, sondern dient dem Fortgang einer Handlung. So wird ein Satz im Drama literarisch markiert. Zusammenfassend kann man sagen, dass der Übergang vom nichtliterarischen Sprechen in ein literarisches genuin am Grad der Reflexion des Sprechakts auf das Kontinuum und die Formen des literarischen Systems bemessen werden kann.

Ad 2: Ein literarischer Satz konstituiert einen Leser (generisches Maskulinum). Leser mit in diesem Verständnis eine dem Text inhärente Geste, die im Satzbau zum Vorschein kommt. Inhärente Leser (nach Umberto Eco: Modellleser), werden auch durch andere Satztypen als literarische konstituiert. Ein philosophischer Satz etwa hat einen literarischen Anteil, dass auch er einen Modellleser entwirft. Doch besteht das Kennzeichnungsmoment dieser Inhärenz in der Fähigkeit des Satzes zu einer autarken Selbstevidenz. Er gipfelt in einer bestimmten Geste, die man von jedem philosophischen Satz erwarten kann. Das meint, ein philosophischer Satz muss so gebaut sein, dass die von ihm intendierte Aussage aus ihm ganz allein einsehbar wird.

Ein einfaches Beispiel hierfür wäre Heraklits berühmte Sentenz Alles fließt. Man kann diese Behauptung bestreiten, vor allem, da sie jeder objektiven Beweisbarkeit entbehrt. Als Behauptung ergibt sich ihr gesamter Gehalt aus der spontanen Einsicht des in dem Satz Gesagten selbst. Dasselbe gilt für wesentlich komplexere Konstruktionen, die jedoch demselben Prinzip, dem der Selbstevidenz, folgen. So etwa der Satz, mit dem Johann Gottlieb Fichte seine Subjekttheorie begründet: Das Ich setzt sich selbst als gesetzt durch ein Nicht-Ich.

Was man an philosophischen Sätzen als schwer verständlich bezeichnet, liegt in den Schwierigkeiten, zu einer spontanen Evidenz zu gelangen, die diese Sätze, bei aller Anstrengungen auf Klarheit und Eindeutigkeit aus zu sein, für Leser aufweisen. Der philosophische Satz hat einen exklusiven Modellleser, was bedeutet, dass sich das Gegenüber des Textes (Leser als psychisches System) um den Satz bemühen muss, will er nicht aus der spontanen Selbstevidenz des Satzes ausgeschlossen werden.

Der philosophische Satz benötigt keine weiteren, ihn erklärenden Sätze und auch keine objektiven Belege für seine Gültigkeit. Meist ist er der Gipfelpunkt einer längeren Argumentation. Er muss dann aber so gebaut sein, dass er auch ohne diese Argumentation einsichtig wird. Der vom philosophischen Satz konstituierte Leser ist der philosophierende Leser, welcher seine Aufmerksamkeit auf selbstevidente Aussagen richtet und in ihnen das Erlebnis intellektueller Verdichtung sucht. Satzästhetisch gesagt: der philosophische Satz entwirft durch Selbstevidenz einen auf Selbstevidenz von Sätzen und ihrer intellektuellen Verdichtungspotenz ausgerichteten Modellleser.

Der Entwurfscharakter des literarischen Satzes ist gegenüber dem philosophischen Satz ungleich vielschichtiger. Der literarische Satz reflektiert auf sich selbst als performative und manipulierende Geste gegenüber seinen Lesern. Wer einen literarischen Text vornimmt, weiß nicht, was ihn erwartet, anders gesagt, er weiß vor dem Lesen noch nicht, welcher Leser gleich aus ihm werden wird, indem er zum Vollzugsorgan einer bestimmten syntaktisch-semantischen Performanz wird. Denn dieser Leser ist nicht das dem Text gegenübersitzende psychisches System. Vielmehr liegt er im Text bereit und ergibt sich allererst aus dem Spiel und der Musik der Sätze, die sodann im psychischen System realisiert werden.

Der literarische Satz ist experimentoffen.

Dem literarischen Satz ist ein Modellleser inhärent, jedoch nicht so wie dem philosophischen Satz in der Geste der Selbstevidenz, sondern in einem spielerischen Sinne der kompletten Offenheit gegenüber allen vorstellbaren (und noch nicht vorstellbaren) Gesten. Daher ist der literarische Satz per se experimentoffen. Das Experiment aber ist nicht bloß selbstbezüglich auf das Material der Sprache und die Permutation von Motiven und Formen. Vielmehr bezieht sich das Experiment auf die Modifikationspotenz des Satz hinsichtlich eines ihm inhärenten Modelllesers.

Man kann nun folgern, dass wir es mit einem literarischen Satz dann zu tun haben, wenn der Selbstbezug des Satzes auf seine Anschlussfähigkeit im literarischen System (in der Tradition der Formen und ihren Brechungen) sowie in der selbstreflexiven Gestaltungskraft eines dem Satz und in der Verkettung der Sätze dann dem Text inhärenten Modelllesers liegen. In diesem dualen Sinne ist der literarische Satz stets eine gestische Intervention in die kulturellen Diskurse. Er bewirkt in seinem Erscheinen  vor allem eine Irritation dieser Diskurse. Die Betonung liegt auf gestisch. Denn damit ist gerade nicht gemeint, dass der literarische Text die Diskurse mimetisch zu bedienen hätte, wie es heute zahlreiche Kritiker und Kommentatoren von der Literatur erwarten. Die Potenz der Literatur liegt in ihrer gestischen Anarchie gegenüber der Kultur, in der sie erscheint, nicht in ihrem Gehorsam gegenüber den Verkaufsleitern der Diskursindustrie.

Bild mit freundlicher Genehmigung von “Three color sentence” by David J. CC BY 2.0
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