Davon, ein Mädchen zu sein

Damals wollte ich ein Junge sein, das habe ich auch oft gesagt.

Es war und ist immer schon schwierig für mich gewesen, klein, schmal, die Jüngste und eine Frau zu sein. Das reicht von hohen Regalbrettern, die nur mit einem Hocker zu erreichen sind, über stundenlange Autofahrten, eingequetscht auf dem schmalsten Sitz, zwischen zwei anderen, breiteren Menschen, hin zu Männern, die meinen, mir als Barkraft erklären zu müssen, wie ein Weizen richtig eingeschenkt wird. Oft werde ich gefragt, ob der Kasten Bier, den ich gerade trage, nicht zu schwer für mich sei. Bei Umzügen erlebe ich immer wieder Erstaunen, wenn ich es bin, die Bohrer, Akkuschrauber und einen gut ausgestatteten Werkzeugkasten mitbringt. Und wenn ich mich in Diskussionen mit älteren Mitmenschen auch mal zu Wort melde, wird meine Aussage gerne belächelt oder gar nicht erst kommentiert. Ich bin die, die beschützt werden muss. Ich bin die Süße. Ich bin die, die Kleidung in der Kinderabteilung einkaufen kann. Ich bin die Klene.

In meiner Familie bin ich die Jüngste. Ich habe vier Geschwister. Mit drei älteren Brüdern und nur einer Verbündeten, meiner ebenfalls nicht besonders großen, aber älteren Schwester, konnte es in meiner Kindheit manchmal schwer sein. Ich wollte und durfte natürlich beim Fußball mitspielen, aber wenn ich hingefallen bin und geweint habe, war ich doch wieder die kleine Schwester und kein ebenbürtiger Gegner mehr. Am Esstisch meine Meinung zu sagen und ernst genommen zu werden, war oftmals so gut wie unmöglich, und das ist es auch heute noch manchmal. Thematiken, die mich interessieren, die mir wichtig sind, werden nicht ernst genommen. Wenn ich anderer Meinung bin als meine Brüder wird oft nur über meine Argumente geschmunzelt. Ich habe versucht lauter zu werden, reif und selbstständig zu sein, mich wie ein Junge zu kleiden und zu verhalten. Das funktionierte auch ganz gut.

In der Schule wurde ich als einziges Mädchen vom Trainer der Fußballjungenmannschaft eingeladen, in seiner Mannschaft zu spielen. Irgendwann verstaubten meine Kleider und Röcke, gegen die ich eine starke Abneigung entwickelt hatte. Ich erklärte es mir damit, dass ich sie unpraktischer fand, als Hosen. Wenn ich eine weite, zerrissene Jeans, das Champions T-Shirt meines Bruders und eine Käppi trug, war ich nicht mehr das kleine, zierliche Mädchen. Ich schien ein Junge zu sein. Ein Junge, der mit anderen Jungs Jungssachen machte. Allerdings wurde mir dadurch vorgeworfen, meine Weiblichkeit zu unterdrücken. Ein Mädchen, das wie ein Junge ist, kann eben doch nicht als Junge akzeptiert werden. Obwohl ich mich so verhielt wie meine männlichen Altersgenossen, war es in meinem Fall scheinbar problematisch, dass ich wenig über meine Gefühle sprach. Ebenso problematisch war es, dass meine Knie immer aufgeschlagen waren.

Damals wollte ich ein Junge sein, das habe ich auch oft gesagt. Erst heute wird mir klar, was ich damit meinte: Ich wollte nicht unbedingt ein Junge sein, ich wollte jemand sein. Jemand, der ernst genommen wird. Jemand, der sagen darf, was er denkt und dem mehr zugestanden wird, als gut Seilhüpfen und Gummiband springen zu können.

Als ich dann in die siebte oder achte Klasse kam und unter meinen Mitschüler*innen langsam wichtig wurde, welche Kleidung getragen wird, die ersten Mädchen sich schminkten und Umhänge- oder Handtaschen statt Schulrucksäcken hatten, wollte ich auf einmal auch nicht mehr in den alten Klamotten meiner Brüder rumrennen. Ich wechselte von den abgetragenen Jeans meiner Brüder zum Kleiderschrank meiner Schwester. Ich begann schöne Kleider und enge Hosen zu tragen, benutzte Lipgloss und Mascara. Vielleicht sagen nun einige, ich hatte meinen Stil geändert, weil alle Mädchen das taten. Das kann ich nicht abstreiten. Ebenso wenig kann ich dem zustimmen. Ich weiß schlichtweg nicht mehr, was mich dazu motiviert hat, meinen Stil zu ändern und im Grunde tut das auch überhaupt nichts zur Sache.

Es war das erste Mal in meinem Leben, das ich bewusst etwas Mädchenhaftes machte und durch das ich mich eindeutig als Mädchen identifizieren ließ, auch wenn sich mein Charakter und meine Bedürfnisse nicht geändert hatten. Augenscheinlich war ich für kurze Zeit wieder die Süße, Klene. Ein Mädchen eben. Langsam gab ich mich der Rolle in gewissem Maße hin. Mein Freundeskreis wandelte sich von einem vorrangig männlichen zu einem sehr gemischten. Hin und wieder versuchte ich mich darin, über meine Gefühle und Probleme zu sprechen – mit anderen Mädchen und Frauen. Um auszugleichen, was mir, da ich nun auch wie ein Mädchen aussah, umso mehr vorgeworfen wurde: Dass Mädchen nun mal gefühlsbetonter seien und ich ein Herz aus Stein hatte, weil ich bei romantischen Liebesdramen nicht weinte. Tatsache war allerdings, dass ich manchmal gerne wie alle anderen geweint hätte, wenn ich mit Freund*innen oder der Familie einen rührenden, traurigen Film ansah. Doch ich wollte nicht, dass all das bröckelte, was ich mir aufgebaut hatte, seit ich klein gewesen war. Das Ergebnis ist, dass ich heute gar nicht mehr weine.
Hätte ich damals angefangen zu weinen, hätte ich wahrscheinlich von einigen Seiten zu hören bekommen: „Du bist ja wirklich ein Mädchen!“ Als Scherz gemeint, versteht sich. Aber für mich war das niemals ein Scherz.

Ich stand schon immer zwischen den Stühlen. Ich war der Junge, der eigentlich ein Mädchen ist. Ich war das Mädchen, das versucht, ein Junge zu sein. Ich war das Mädchen, das versuchte ein Mädchen zu sein und daran scheiterte. Ich war ein Mädchen, ein Junge, ein Mädchen und eigentlich auch nie wirklich etwas davon.

Zusätzlich bin ich klein, schmal, zierlich, jung – immer und immer schon. Ich bin also eine zierliche Frau, ein kleiner Junge, ein junges Mädchen und nach wie vor eigentlich nie wirklich etwas davon.
Heute trage ich an einem Tag weite Baggy Pants und einen abgetragenen Hoody, um am nächsten Tag eins meiner enganliegenden Kleider auszuführen. Allerdings merke ich nach wie vor, wie unterschiedlich mit mir umgegangen wird, je nachdem, was ich trage. Und ebenso stark merke ich, wie unterschiedlich ich selbst damit umgehe. Nach wie vor empfinde ich Kleider und Röcke als unpraktisch, weil es ungemütlich ist, sich damit auf eine Wiese zu setzen. Man(n) könnte ja darunter einen Teil meiner Unterhose sehen und das ist, den gesellschaftlichen Vorstellungen nach, wie Frau zu sein hat, ein absolutes No-Go. Dass es mir egal ist, wenn vielleicht mal ein Teil meiner Unterwäsche aufblitzt – sei es unter einem Kleid oder wegen eines verrutschten Tops – muss ich mir immer wieder selbst sagen.

Es gibt wohl kein Geheimrezept dafür, wie man seine körperlichen und biologischen Begebenheiten akzeptieren kann, ohne sich der gesellschaftlichen Vorstellung, die mit diesen einhergeht, hingeben zu müssen. Wie kann sich jemand definieren, ohne sich mit einem Geschlechtsmodell identifizieren zu müssen? Wie kann ich im einen Moment das eine, im anderen Moment etwas völlig anderes sein, ohne mich fragen zu müssen, ob ich mir dadurch selbst widerspreche? Wieso muss ich mich immer wieder für das rechtfertigen, was ich bin oder nicht bin und für das, was mich stört? Ständig muss ich aufpassen, mir nicht zu widersprechen, ich fühle mich wie unter Dauerbeobachtung. Und wenn mir dann (von einem Mann) gesagt wird: „Ach, machst du jetzt einen auf Feministin?“ realisiere ich, dass wohl auch diese Entscheidung, Feministin zu sein, niemals von allen Mitmenschen ernst genommen und akzeptiert wird.

Ich, wie bestimmt viele andere Menschen, bin gefangen in einer Dauerschleife, in der ich mich Tag für Tag frage, wie ich mich definiere, ob ich mich überhaupt definieren muss und will und wie ich diese vagen Definitionen, die ich mir versuche zusammenzureimen, meinem Umfeld vermitteln kann. Dass Menschen sich das fragen müssen, macht mich wütend. Seit Jahren begleitet mich eine Wut, die sich immer mal wieder kurz verkriecht, die verdrängt wird und dann, ausgelöst durch ein Ereignis oder auch einfach so, wieder zu Tage bricht und mich unzufrieden macht. Dieses Gefühl der ständigen Wut tragen viele Menschen in sich und einige davon meinen, sich dafür schämen zu müssen.

Wütende Frauen werden als wütende Feministinnen beschimpft, als wäre es ihr Eigenverschulden wütend darauf zu sein, was die Gesellschaft einem versucht vorzuschreiben. Dass wir so empfinden ist nicht unsere Schuld. Im Gegenteil: Ich denke, wir müssen wütend sein.

Bild mit freundlicher Genehmigung von Yvonne Schmidt | Pfeil und Bogen
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