Code und Konzept

Allison Parish erläutert, wie sie ein Traum-Wörterbuch („10.000 Träume erklärt und gedeutet“) als Quelle für einen automatisch generierten Roman nutzt. Sehr detailliert analysiert sie, wie und warum sie die Traumdeutungen automatisiert in die Ich-Perspektive übersetzte, die Träume durch einen Algorithmus für Stimmungsanalyse nach negativ und positiv ordnete, und das Ganze noch mit einer Datenbank kurzschloss, welche die hinter den Träumen stehenden Konzepte erklärt.

„Wenn ich generativen Text erzeuge, möchte ich, dass meine Arbeit ausdrucksstark ist und Sinn evoziert, aber gleichzeitig auch, dass seine Form die Prozesse demonstriert, die ihn hervorgebracht haben. Darüber hinaus möchte ich meine generative Arbeit als kritische Lektüre – als einen Weg, verborgene Strukturelemente des verwendeten Quelltextes ans Licht zu bringen.“ (S. 216)

Bemerkenswert ist hier nicht nur die Hellsichtigkeit, mit der Parish ihre konzeptuellen Texte in die Nähe von Faktographien, also Texten, die den Prozess ihrer eigenen Herstellung demonstrieren, rückt, sondern vor allem die Erkenntnis, dass digitales konzeptuelles Schreiben gar nicht weit entfernt ist von den Verfahren, die derzeit in den Digital Humanities diskutiert und angewandt werden. Im Konzeptuellen Schreiben, so könnte man also sagen, nehmen die Digital Humanities einen „practice turn“, und werden dezidiert als künstlerische Forschung umgesetzt.
(Ob dieser großartige Text aber wirklich ein Roman ist, wie Parish behauptet, ist eine ganz andere Frage.)

Großartig auch Ranjit Bhatnagars Poetik zu seinem Bot „Pentametron“, der Twitter nach Nachrichten im Pentameter durchsucht und sie retweetet, sowie den daraus entstandenen Cut-up-Sonetten, oder Caitlin Quintero Weavers „Susan Scratched schreiben“, in dem wiederum der Code mit Kommentaren abgedruckt ist, und man dadurch wirklich mal zu verstehen scheint, welche Permutationen der Code wo und warum im Ursprungstext auslöst.
Oder Gregor Weichbrodts Überlegungen zu „I don’t know“, einem generativen Poem, in dem ein lyrisches Ich sich iterativ durch Wikipedia forstet, und immer behauptet, es habe von keinem dieser Themen eine Ahnung — Schirrmachers „digitale Demenz“ quasi. In bester, selbstreflexiver Conceptual-Writing-Manier beginnt der Text so:

„I’m not well-versed in Literature. Sensibility — what is that? What in God’s name is An Afterword? I haven’t the faintest idea. And concerning Book design, I am fully ignorant. What is ›A Slipcase‹ sup- posed to mean again, and what the heck is Boriswood? The Canons of page construction — I don’t know what that is. I haven’t got a clue.“ (S. 238)

Nach 350 Seiten endet das (natürlich im Band nicht ganz abgedruckte) Poem mit einer großen Pointe:

“I’ve never heard of Postmodernism. What the hell is A Dystopia? I don’t know what people mean by “The Information Age”. Digitality – dunno. The Age of Interruption? How should I know? What is Information Overload? I don’t know.”

Überhaupt ist Gregor Weichbrodt mit seinem Textkollektiv 0x0a der produktivste Schreiber deutschsprachiger konzeptueller Literatur – und seine intelligenten und gleichzeitig extrem witzigen Bücher sollte man sich unbedingt einmal anschauen.

Nach der Lektüre des Praxis-Teils wünscht man sich sofort eine ganze Anthologie solcher Poetiken und konzeptuellen Texte, weil hier schlagend und einleuchtend literarischer Text und seine komplexen Produktionsverfahren nebeneinander gestellt werden. (Am Besten gleich mit Github-Archiv der verwendeten Programmiercodes, damit man diese dann herunterladen kann und selbst permutierend eigene konzeptuelle Texte herstellen kann.)

Am Ende der Lektüre von Code und Konzept stellt sich dann die Frage, was von der Differenz zwischen Konzeptueller und „digitaler“ Literatur überhaupt noch übrig ist — oder ob die Frage von Anfang an eine konstruierte war, um diese tollen Texte in einem Sammelband zusammenzubringen, der hoffentlich erst der Auftakt zu einer intensiveren Beschäftigung mit konzeptueller Literatur im deutschsprachigen Raum ist.

Wer jetzt befürchtet, dass Literatur bald zur noch von Computern geschrieben und gelesen wird, der sollte umso mehr anfangen, sich mit konzeptueller Literatur beschäftigen. Denn gerade diese verhandelt kritisch und performativ die Umwälzungen, die „das Digitale“ für die Literatur und das Schreiben bedeutet. Als Einstieg am Besten dazu Uncreative Writing von Kenneth Goldsmith lesen (ebenfalls von Bajohr übersetzt), Code und Konzept ist dann die Aufbaulektüre. Um wem das nicht reicht, dem sei noch ein Satz aus Ingo Niermanns Beitrag ans Herz gelegt: „Noch haben sich die Maschinen nicht ohne Menschen in der Welt behaupten müssen.“ (S. 201).

Code und Konzept, herausgegeben von Hannes Bajohr, ist 2016 im Frohmann Verlag erschienen.
Uncreative Writing von Kenneth Goldsmith erscheint im April 2017 bei Matthes & Seitz.

Bild mit freundlicher Genehmigung von Daniel Holden / Chris Kerr
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