Code und Konzept

Der Band hat drei Teile: Theorie, Theorie & Praxis und Praxis. Die ersten beiden Teile versammeln neue Texte von deutschsprachigen Wissenschaftlern und Praktikern aus verschiedenen Disziplinen (Literaturwissenschaft, Netzkultur, Kunst) und englischsprachigen Autorinnen und Autoren, deren Texte hier zum ersten Mal in deutscher Übersetzung erscheinen — allein das eine große Leistung des Herausgebers. Dabei deckt Code und Konzept die ganze Variationsbreite von akademischer Spezialdiskussion bis hin zu spielerisch-ironischen Essays ab.

Holger Schulze montiert etwa in David-Shields-Manier Theorieschnipsel und Clemens-Setz-Tweets und proklamiert damit eine „Kleptopoetik“, in der das gekonnte Auswählen, Samplen und Rekontextualisieren von gefundenem Text die neue Autorentätigkeit darstellt. Dabei macht Schulze ironisch auf die Differenz zwischen Netzkultur (Sample, Remix) und Buchkultur aufmerksam, denn alle Textbausteine sind mit Fußnote und exakter Quellenangabe versehen — versucht man „Kleptopoetik“ in den Kontext einer wissenschaftlichen Publikation zu übertragen, wird daraus durch die Konventionen der „good academic practice“ und den rechtlichen Vorgaben des Verlags eben wieder nur die altbekannte „Quotopoetik“.

Oder J.R. Carpenter, die den Quellcode eines „web-basierten Werks digitaler Belletristik“ abdruckt, die Funktionen des Codes erläutert, und ihn mit Kommentaren und Zitaten (Ong, Deleuze, Hayles) versieht — und damit eine neue wie erkenntnisreiche Textform schafft: „Um die Performance dieses Textes zu erörtern, so, wie er auf dem Bildschirm erscheint, ist es notwendig, den Quellcode, der diese Performance hervorbringt, ebenfalls zu diskutieren“ (S. 126).

Mit dabei ist auch Florian Cramer, der seine These vom „Postdigitalen Schreiben“ hier noch einmal erweitert, Daniel Scott Snelson mit einem fantastischem Text über Textwarez und subversive Distribution von Martin-Walser-Textfiles im Netz, oder Beat Suter und René Bauer, die das Verhältnis von Code und Konzept auseinandernehmen und dabei erklären, was Code, Programmiersprache, Algorithmus — Begriffe mit denen alltäglich undifferenziert hantiert wird — eigentlich bedeuten.

Nicht zu vergessen der unterhaltsame Rekursions-Essay von Anna Seipenbusch, die in (nicht-willkürlicher) Copy-Paste-Manier auf einen Text aus der BELLA triste #39 antwortet:

“Q: How do I explain recursion to a 4-year-old? A: Explain it to someone a year younger than you & ask them to do the same. Expand.” (S. 151)

Wirklich begeisternd ist vor allem aber der letzte Teil des Bandes, Praxis, denn er löst nach aller Theoriehuberei spielend den Anspruch des Bandes ein, zu zeigen, wie Code und Konzept zusammenhängen — und endlich kann man ein paar dieser konzeptuellen-born-digital Texte konkret lesen.

In vorangestellten Texten schildern die Autorinnen und Autoren ihre Poetik. Sie erklären die Konzepte und beschreiben genau, welche Entscheidungen und (Programmier-)Schritte zur Herstellung der Texte nötig waren. Dabei zeigen die Autorinnen und Autoren ein derart hohes Maß an Selbstreflexion, das man sich auch von manchen Poetiken der Belletristik wünschen würde. Vor allem aber zeigen die Poetiken, dass Konzeptuelle Literatur eben nicht bloß Copy-und-Paste-Literatur ist, die man mal kurz zusammenknallt, sondern an den Avantgarden und der Moderne geschulte, sprachkritische Literatur, deren Produktion neben Programmierskills auch ein systematisches Verständnis des literarischen Feldes voraussetzt.

Bild mit freundlicher Genehmigung von Daniel Holden / Chris Kerr
Total
28
Shares