Der beste Stand der Buchmesse ist der des Compact-Magazins. Der Turm mit dem riesigen Banner ist für keinen Besucher zu übersehen: „Mut zur Wahrheit“. Bleiche Männer mit schütterem Haar und, wenn man ganz genau hinschaut, feinen Schuppen auf ihren Brillen halten dort tapfer den letzten Stützpunkt eines freien Europas. Gesprächsbereit sind sie trotzdem. Ob’s so ein Exemplar umsonst gäbe, will ich wissen, und zeige auf kleine Stapel mit alten Ausgaben der Zeitschrift. Das nicht, aber gegen eine kleine Spende für den Verlag dürfe ich mir eine aussuchen, sagt ein schielender Eugeniker mit einem beachtlichen Buckel und zwei Warzen auf der Stirn. Das Ding dort hinten sei die Spendenbox.

Ich überlege ausführlich und entscheide mich schließlich für ein Exemplar mit dem interessanten Titel Yeah! Trump die Merkel! Ich gehe zur Spendenbox und werfe genau einen Cent in den Schlitz. „Ein Cent für Ihre Arbeit, meine Herren!“, sage ich. Die Box ist bis oben hin gefüllt mir großen Scheinen von reicheren Unterstützern. Das erste Mal in meinem Leben habe ich Angst, dass mit meinem Geld Unheil angerichtet wird. Ich spüre das beweglichere Auge des Schielenden, das sich in meinen Rücken bohrt, als ich mich auf den Weg zu einem der anderen Stände  aufmache. Vielen Dank auch, die Herren!

Nachtrag: Am Sonntagmittag kommt es zum Tumult. Etwa Siebzig mit Pappschildern Bewaffnete stehen vor dem Compact-Stand und skandieren lauthals „Nazis raus!“. Die bleichen Männer sind sprachlos und grinsen nur höhnisch. Manche von ihnen tragen Sonnenbrillen. Einen mutigen Redakteur haben sie vorgeschickt: ein Kleiner, der sich ein T-Shirt von Die Linke übergestreift hat und sich wie seine Kollegen nicht gerade als Diplomat erweist. Er steht breitbeinig auf dem Tresen, wo vorher noch die Magazinexemplare ausgelegen haben, und provoziert die Demonstranten lautstark. Sein Kopf ist rot und sein Hals angeschwollen. Über seinem Kopf schwenkt er einen Laptop.

Er schreit alleine gegen die Menge an: „Heil Merkel! Heil Merkel!“ Um ihn herum haben sich fünf bis sechs Stiernacken versammelt, jeder von ihnen misst mindestens zwei Meter. Auf der Tribune des gegenüberliegenden Autorenforums erspähen sie einen jungen Mann mit Bart. Er hat eine Kamera mit einem riesigen Stativ und scheint ein alter Bekannter zu sein. Zwei Stiernacken kümmern sich um den Fotografen, der sich eiligst aus dem Staub macht. Sie sagen etwas von „Zecke“ und „Material weitergeben“. Sie verfolgen ihn im Stechschritt, bis er schließlich entwischen kann. Die Messe-Securitys schauen der ganzen Szenerie gelassen zu. Er schreit alleine gegen die Menge an: „Heil Merkel! Heil Merkel!“

Bild mit freundlicher Genehmigung von Marvin Dreiwes | Pfeil und Bogen
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