Alle wollen was erleben - Fabian Hischmann
Alle wollen was erleben - Fabian Hischmann

Briefe zu Hischmann

15.12.19

Hallo liebe Anne,                                  

ich bin gerade – wie passend – am Reisen und habe nur selten Internet, daher schreibe ich dir einen Brief, der dich hoffentlich früh genug erreicht. Gerade lese ich den Essay Duft der Zeit, den ich von einem Freund geliehen habe.  Darin benutzt der Autor Byung-Chul Han häufig die Formulierung des „sich durch die Welt Zappens“, um das Zeitgefühl der postmodernen, technologisierten Welt zu beschreiben. Mir ist HischmannAlle Wollen Was Erleben als eine Auserzählung dieses Phänomens vorgekommen. Schon in der Form fallen die Kürze des Buchs, die short stories auf, die so abrupt enden wie sie begannen, ein Ausschnitt den wir nur kurz betrachten (können), vor den sich schon die neue Geschichte schiebt. Kein Innehalten, auf dem hohen Erzähltempo reiten wir, wie eine Welle durch das Buch, um letztlich das zu empfinden, was den Figuren widerfährt, nämlich Suche nach Freiheit und Halt, nach Neuem und Alten, die ihrerseits so kurzweilig sind, dass man schnell weiter reitet, weil man es kann. Man verliert, -wirrt, -strickt sich. Han kritisiert diese Dynamik, die Hischmann selbst produziert und auch mich lässt die Frage nicht los, ob das Tempo der heutigen Zeit eines ist, dem die Literatur sich beugen muss, wie es Hischmann tut, oder sollte sie sich auf Kontemplation besinnen und dem Vergehen etwas entgegensetzen?

Grüß Hiltown und das Rudel,

Henrik  

(Adresse, siehe Briefumschlag)

21.12.2019

Lieber Henrik,

danke für deinen Brief. Wie schön, dass du mir von unterwegs schreibst. Hier ist alles wie immer, aber vielleicht macht mich genau das gerade so unruhig.

Deshalb saß ich meistens, wenn ich Hischmanns Geschichten gelesen habe, im Zug auf dem Weg irgendwohin. Und es stimmt: Die Leseeindrücke und Geschichten sind genauso schnell und ungreifbar vorbeigeflogen wie die Landschaften hinter dem Fenster. Darin würde ich dir zustimmen und frage mich, ob genau das den Unterhaltungswert der Geschichten ausmacht. Angepasst an unser Konsumverhalten, dass sich mehr und mehr daran gewöhnt hat, kurze, schnelle und oberflächliche Impulse in Massen zu schlucken. Und doch, so glaube ich, beugt sich Hischmann damit nicht einem Zeitgeist, vielmehr fängt er ihn ein. Er beschreibt ihn, indem er sich seiner bedient. Und genau das macht diese Sammlung von Erzählungen schwer greifbar und zugänglich zugleich.     

In jeder Geschichte, Situation oder Beziehung bleibt etwas Unausgesprochenes, ein Moment von Unvollständigkeit, ein Fehlen. Diese Empfindung war irgendwie vertraut, oder nicht? Liegt nicht genau darin ein großes Identifikationspotenzial, auch wenn es durch die Schnelllebigkeit schwerfällt, eine Beziehung zu den Figuren aufzubauen? Ich glaube das Fehlen und Verloren-Sein kann ich gerade ziemlich gut nachfühlen.    

Ich hoffe, dir geht es gut,

Anne  

P.S.: Über Weihnachten und Silvester fahre ich zu meiner Familie, schick doch deinen nächsten Brief dorthin, wenn du schnell bist.

03.01.20

Liebe Anne,                                        

danke für deine Antwort. Du sprichst ein Paradoxon an, mit dem Hischmann spielt: Vergänglichkeit schreiben. Das Schreiben selbst als Aufbegehren der Sinnlichkeit. Damit einhergehend die Sinnlichkeit des Lesens. Vom Bild auf dem Cover, mit dem Titel Why though can´t everything just for today wait? Wait and just go on without change a bit longer, schauen drei auf dem Sofa „hängende“ junge Menschen uns an, als seien wir das, was im Fernseher läuft. Immer abrufbar, austauschbar, oberflächlich, im besten Falle unterhaltsam. Aus der Rolle, die uns diese Blicke aufdrücken, entziehen wir uns, wenn wir es aufschlagen. Die Figuren in den stories repräsentieren Menschen einer mitteleuropäischen Gesellschaft, die zwischen den Möglichkeiten zwar verloren sind. Durch sie werden aber alternative Formen der Lebensgestaltung erst realisierbar, siehe Berlin, von wo aus ich dir schreibe. Beziehungen und Identitäten stechen heraus, weil sie, wenn auch revidierbar, trotzdem Festlegungen sind, die sich in unsicheren Situationen behaupten. Oder aber sie werden zur Last, weil es Tausende zu geben scheint, die sind wie ich selbst. Die Figuren driften bei Hischmann manchmal in Stereotype ab, erst hat es mich genervt, dann dachte ich, ob wir das nicht eigentlich selber sind, Klischees, die Halt finden in beispielsweise Popmusiker*innen oder Fußballstars?

Ich hoffe, es geht dir gut und du findest zwischen Familie und Uni etwas Zeit mir zu antworten,

Henrik  

(Adressiere deine Antwort nach Hiltown, bin bald back)

8.1.2019

Hey lieber Henrik,

ich bin noch nicht wieder in Hildesheim. Es tut gut, mal wieder aus der Blase raus zu sein. Denn ja irgendwie stimmt das mit den wandelnden Klischees. An schlechte Tagen schaue ich mich dort um, an der Uni, in unseres WGs und frage mich, ob wir nicht alle in unserer Individualität alle total gleich (verloren) sind.

Deshalb gut, dass du die Repräsentations-Frage ansprichst. Dass sie sich auf den Rahmen beschränkt, den du beschreibst, mag wohl daran liegen, dass Hischmann aus seiner, und vielleicht sogar unserer, Lebensrealität erzählt. Ob Autor*innen dies immer tun sollten, oder ob es nicht auch lohnenswert sein kann, andere Perspektiven beim Schreiben einzunehmen, würde ich kritisch hinterfragen. Und trotzdem ist ‘Alle wollen was erleben’ durchaus in einiger Hinsicht ein diverses Buch. (Ich wünschte ich müsste es nicht, weil es gängiger sein sollte, und doch würde ich es gerne positiv hervorheben.) Es war wunderbar, ein Buch zu lesen, in dem gegendert wird. Und in dem sich die Geschichten und Konflikte selbstverständlich in nicht heteronormative Familien- und Beziehungskonstellationen abspielen. Zum Beispiel der Konflikt zwischen zwei Vätern, die sich und ihre Träume im Familien-Alltag verloren haben. Oder die Beziehung zwischen einem Protagonisten und einer Trans-Frau, die ehemals beste Freunde waren und gemeinsam versuchen ihren Familien gerecht zu werden.

Das, was du als letztes geschrieben hast, erinnert mich sehr an die Zitate zu Anfang des Buchs. ‘… Do you know what the message of Western Civilization is? I am alone.‘ und ‘You have to pick the places you don’t run away from’. Zuerst dachte ich nach dem Lesen, wie gut diese beiden Aussagen die Ambivalenz der Figuren und Motive erfassen. Die Zerrissenheit zwischen dem Abhauen und Ankommen. Zwischen dem Bedürfnis nach Unabhängigkeit und dem nach Sicherheit. Genau auf dieses Dazwischen hätte ich so gerne oft eine Antwort.  

Aber ich glaube, dass der Autor uns in seinen short stories bewusst ohne direkte (Auf)Lösungen zurücklässt. Darüber habe ich noch lange nachgedacht. Was, wenn das zweite Zitat die Antwort auf das erste ist? Vielleicht konnte ich im Buch also doch einen Lösungsansatz finden: Als vereinzeltes Subjekt in einer viel zu schnellen Welt mit zu vielen Möglichkeiten zu versuchen, mit dem Alleine-Sein nicht alleine zu bleiben. Diese Idee gefällt mir gut.

Übrigens komme ich bald nach Hause! Ich freue mich schon, dich und alle anderen wiederzusehen. Vielleicht können wir dann endlich bei Rauchen und Kaffee über alles, was wir erlebt haben und das Buch reden? Was denkst du?

Ganz liebe Grüße und hab schöne Tage bis wir uns wiedersehen,

Anne

Bild mit freundlicher Genehmigung von Berlin Verlag
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