Zwischen Seidenstrings und Samtkragen

Der Kiez: Trubel vor der Showbar, gegenüber bahnt sich Streit mit dem Türsteher an. Bettelnde Obdachlose vor Sexshops und von Bling-Bling-Schildchen beleuchtete Pfützen Erbrochenes. Tut dat Not, dat dat so dreckig is‘ hier? Da muss ma‘ wieder ordentlich geputzt werden. Ein klarer Fall für die Omma, ihres Zeichens Kiezlegende.

Anna Baseners Debütroman Als die Omma den Huren noch Taubensuppe kochte portraitiert besagtes Milieu. Gespickt mit pseudoromantischen Beziehungsdramen zwischen Huren und ganz speziellen Freiern sowie detailliert geschilderten Sexszenen gewährt der Erstling Einblick in die zerfahrene Gefühlswelt der Protagonistin Bianca.

Das Rezept Basener Art für eine Gratwanderung zwischen Seidenstrings und Samtkragen:

  1. Eine Hauptfigur, die sich doch bloß mit ihrer eigenen Schlüppi-Kollektion selbstständig machen will.
  2. Zu ihr zieht die Omma aus Essen-Rellinghausen, im Gepäck eine Vergangenheit als Puffmutter („Wirtschafterin“) und Mörderin („Notwehr“) sowie ein ausgewachsenes Verlangen nach Schnaps und Zigaretten.
  3. All das kräftig würzen mit dem Mysterium um eine totgeglaubte Hure und Seelenverwandte.
  4. Abschließend bereitet eine komplizierte Vaterfigur noch mehr Salz in die ohnehin schon versalzene Tauben-Suppe. Voilà.

Obwohl leicht zu lesen, ist Baseners Roman keine feelgood-Lektüre. Schuld daran ist sowohl das mehr als unappetitliche Milieu als auch die Streckung der Handlung auf über 300 Seiten. Gewöhnungsbedürftig ist besonders der aus Provinz und Großstadt gemischte Klamauk-Hybrid der zusammengepatchworkten Familie. Wir haben uns auf den ersten 30 Seiten gerade an ihn gewöhnt, so fühlen wir uns in der Plotmitte geradezu von ihm erschlagen; wenn die über allem thronende Matriarchin sukzessiv Biancas Berliner Leben beschlagnahmt. Bianca kommentiert das so: „Omma, du kannst nicht immer alle Menschen frigide nennen, die gegen Huren und Bordelle sind.“

Da tauchen totgeglaubte Huren auf und B-Movie-Bösewichte.

Was erst nach beinharter Milieu-Studie klingt, entpuppt sich als romanlanger Witz. Unterfüttert mit Parodien anderer Genres, wie dem Krimi oder Ekelfeminismus a la Charlotte Roche.

Demgegenüber steht eine durchaus intelligente Erzählweise mit gelungenen Überraschungen und einigen witzigen Pointen. Biancas Rollenprosa ist knapp und oft elliptisch, sie erzählt ihr Umfeld über dessen Äußeres. An Versprechen, intelligent zu unterhalten, mangelt es wirklich nicht. Aber sie erfüllen sich nur dann, wenn Basener nicht auf Lacher spielt, wie es im Theater heißt. Also keinen Slapstick erzählt. Das ist leider die Ausnahme. Besonders die letzten 100 Seiten wirken wie eine einzige Verbeugung vorm Trash. Da tauchen totgeglaubte Huren auf und B-Movie-Bösewichte.

Sicher wäre der Roman völlig unerträglich, hätte er nur dieses lustige Gesicht. Aber er hat ja noch ein zweites, ein ernstes und trauriges. Und beide Gesichter ineinander verschränkt, ergeben diesen doppelten Boden, der einen stolpern lässt und stockend lachen. In den gröbsten Szenen liest es sich ganz sanft, von den Huren und der alten Zeit. Es ist wie mit dem Lebensraum, der so lebendig porträtiert wird: wenn man sich erst mal drauf eingelassen hat, geht’s.

Anna Basener: Als die Omma den Huren noch Taubensuppe kochte. Eichborn, 2017. 316 Seiten.

Bild mit freundlicher Genehmigung von Eichborn
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