Alles, was ich nicht verstehe. Die Beute: sechstes Stück
„Um eine Lücke zu füllen, muß man das einsetzen, was die Lücke verursacht hat. Nimmt man etwas anderes, wird sie nur noch weiter werden. Ein Abgrund läßt sich nicht mit Luft abdichten.“ (Emily Dickinson)

Dass wir verstehen sollen, wenn wir lesen und hören, ist, so Friedrich Schlegel 1799, „ein böses Princip.“ Etwas nicht zu verstehen, oder besser noch, alles nicht zu verstehen, hat große Vorteile. Wir kennen das und heben den Kopf, die Lider, schaffen ein bißchen Platz, zwischen Bett und Wand, in den Schuhen. Noch ein paar Stufen zum Täuschen. Und wie das bibbert, wo zwischen den Leuten nichts zu sehen ist, wo man weitergeht, weiß gestaffelt, versichert den Hals. Immer nur das, was wir noch zu Ende machen müssen. Rot tobt dieses Wir, viel mehr nicht, buchstabil gekrückt und unglaublich reich an diesen runden Labialen.

Das ist die Sprache, die sich selbst versteht, die sich in sich selbst und gegen sich selbst loopt und verschlingt und reproduziert, die Verbindungen herstellt, an der nichts mehr echt sein will. Die fängt und empfängt, sich überall dranhängt, alles versperrt, was nach Verstehen aussieht, manchmal mit großen Verbotsschildern und Absperrband, diesem rot-weiß gestreiften, die überall Fusseln hinterlässt und Einschusslöcher, die sich fein macht und verspricht, die sich verspricht, sich selbst und jemandem oder etwas, die versprochen ist, die nur notdürftig geflickt ist, übergepinselt, die von falschen Legenden lebt.

Wir kennen diesen Platz, den Ansatz, dessen Programm ist, berührt zu werden. Das schreit durch Sätze wie – weit liegt das wache Hören und – Fliesen fleckt ein Tausendfluß oder so. Da plottets übers Land, die Zähne im Knie, die Augen hell genug und rot, von der Sonne gequetscht, wie reife Tomaten, ein Donner fängt sie auf, oh, und klatscht, was ich schrieb in eine Geschichte vom Donner mit Grau und Grau, ein glückliches Grau. Das hängt in allen Tagen, tapfer und verfeinert, wie jedes Merkmal, das verbessert wurde. So gut wie ein Blatt auf den Zähnen, auf und nieder gewickelt, geworfen, da liege ich dann meine Zähne durch, tue, was ich bitte, billig vermutlich. Leer ist es nicht, ein wenig, als könnte’s mich stören und steigen, schleichen, in jedem Fall grau getürmt, um Glück zu binden, das Ende zu halten.

Wichtiger ist das Nichtverstehen, das Unverständliche, also das Neue, das Neuartige, Fremde, das so unglaublich schnell vertraut wird. Miss- und Nichtverstehen als Voraussetzung, überhaupt was machen zu können: hören, gucken, angeschaut werden, sprechen, jemand werden oder sein, zumindest für kurze Zeit oder für dieses komische kurze Leben, das sich dann auch noch mit anderen Stoffen ausstaffiert, mit Lektüren zum Beispiel, mit eigenen Texten und Texten über Texte – das zumindest ist, was wir heute lernen und lehren. Vergangen wollen wir sein wie Bänke und Mäntel. Wir sagen einfach: aus, zwischen den Möbeln ist es ja möglich, das Böse schweben zu lassen. Nur nichts Aufwendiges. Besser harte Ordnungen, Aufforderungen, auch ja das Richtige zu tun. Dafür sammeln wir Wege, Schonungen, wirre Figuren, die wir kennen und Propheten, mindestens etwas Sinn, den hölzernen Gotteskern.

Stark stürmt da die Geschichte auf müde Bergherzen, verharrt im Palliativ fremder Gewißheit. Was schade ist, denn dort sind wir schon gewesen und verwandeln die Distanz in ein Schauspiel inneren Friedens. Da gibt es Luft wie Milch, Puppengipfel, Pools und graue Muster vielleicht, aber schrecken kann uns das Wahrscheinliche nicht. Was könnte überhaupt zu Aufmerksamkeit führen, was für eine Mischung, zu einem Wasweißich, das wir schon kennen? Das wäre schön, wie ein Gramm Grenze, gerade bevor es wieder schrumpft auf weniger als Haken, Kritzel, Punkt. Wie ein Recht, ein Band, wie der Schmelz von Ordnungen, die in Gang setzen, was wir fühlen und was daraus folgt.

Wie wäre es also ohne Natur? Etwas, das uns erzählt von Kernen und Vormittagen, von weniger Außen. Eine Geschichte, von der wir nichts wissen, gleich einer List, die älter ist als jenes trübe Nachhinein, die etwas reißt oder Takt und Vernunft koppelt, die auf etwas hinausläuft, das nur es selbst sein kann und sich erklärt als das, was möglich ist, wie ein verschwundener Hebel, ein trudelndes Wunder ohne Last und Raum, nur gut zu wissen. Das sind dann, immerhin, Spuren und endlich sich wiederholender Zwang, Wiederholung und eben Dinge, die frieren, wie die ganze rosige Kümmernis. Was Geschichte wäre, ist nur ein scharfer Schnitt, ein rosa Abtritt, die Wurzel zwischen Baum und Kerbe, wie ein groß geschriebenes Meer, als ob die Art zugrunde geht und nun Ruhe herrscht. Dann zerren wir an den Farben, richten sie mit Feilspänen zu, was der Verstand und das Verstehen eben so vertragen.

Das sind einfache Neigungen, von Grad zu Grad reichen die Erinnerungen, zwicken an dem wirklichen Zeug, bekunden jeden Schlag, Forderungen auch. In diesem Gang, in diesem Blick ein Schlitz, da schwirrt jeder Grund, reibt sich an den Plänen. Was in der Mitte fehlt, bewegt Geräte zum Flüstern. Die Luft aus Wachs, wie leicht wir waren, und leichter jetzt, ein schnelles und luftiges Blech. Was reich nur galt, ohne Ort und Folgen, nie zu sagen, was wir wollen, was zu sagen ist und was geht, was nicht zu glauben ist, was wir lesen – die See und die Form –, was dann stärker ist und falsch und sicher zu schweigen. Das hier ist nur der Platz, an dem wir leben. Der füllt uns nicht aus. Das ist dieses Gespenst, das raschelt am Weg und das muss aufhören, nichts als das zu sein, das hier. Das andere ist es nicht und gehört doch dazu.

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