Vier Tage waren es. Vier Tage Buchmesse. Am Tag eins war ich noch voller Vorfreude, voller Enthusiasmus, die Buchmesse schien mir wie ein magischer Ort, an dem alles möglich ist. Der Terminplan war voll und man hetzte von einer Veranstaltung zur nächsten, wollte alles erleben, was man sich vorgenommen hat. Lesungen, Gespräche, Vorführungen, kollektives „auf-Bilder-und-Texte-Starren-und-Nicken“, eben das ganze rundum Paket des engagierten Hildesheimer Literaturstudenten.

Heute, am Tag vier sieht es ganz anders aus. Ein fieser Kater hat sich in meinem Rachen festgekrallt und tritt von innen gegen mein Stammhirn, dunkle Tränensäcke schwellen mir über die roten Augen, die Hände zittern, wenn sie den Kaffee zum sabbernden Mund führen sollen, der Magen rumort und die Leber dankt ihm.

Ich schleppe mich benommen durch die Massen an Menschen, versuche verständlich in mein Diktaphon zu sabbeln, dann und wann trete ich einem mystischen Krieger aus Fernost auf die Füße und ernte ein heiseres „‘Tschuldigung“. Ich bleibe stehen, drehe mich im Kreis, lasse die zigtausenden Stimmen auf mich einprasseln, lasse mich anrempeln, vom Strom mitreißen, falle, stehe wieder auf. Was mache ich hier überhaupt? Wie ist es so weit gekommen? Ich schließe meine Augen und lasse mich treiben, irgendjemand brüllt etwas, mir egal, ich bin fort, Tag eins:

Zahl 1 = Tag 1

Nachdem der Anreisetag bereits in mildem Rausch verbracht wurde, folgte Donnerstag das erste Buchmessenkapitel, geprägt von überschwänglichem Enthusiasmus und sicherlich einigen Kilometern Fußweg. Etwa sechs Stunden und elf Veranstaltungen – ich besuchte sie alle. Von zahlreichen Lesungen und Gesprächen zu neu erschienenen oder erscheinenden Büchern, über schmerzverzerrte Gesichter bei Mikroproblemen des taz Standes, bis hin zu Tipps rund um Self-Publishing und das Kinderbuchautor-Dasein.

Gegen Abend dann trafen wir Hildesheimer uns im Cafe Cantona auf eine Besprechung und einige Bierchen, danach ging‘s weiter mit dem Abend. Denn uns wurde sie wärmstens ans Herz gelegt: die Tropenparty des Tropen-Verlags. Also schnell noch ein paar Bier und eine Buddel Wein besorgt, ab in die Tram, drei Mal verfahren und schon waren wir da. Erster, letzter und einziger Eindruck: Es war voll. Sehr voll. Die Luft drinnen hätte man wohl als tropisch bezeichnen können, es roch (und fühlte sich an) wie in den Regenwaldhäusern im Zoo; ansonsten war das Ganze eher untropisch. Untropische Preise, untropische Menschen, weder Palmen noch Hängematten.

So stand man also in der Menge herum, in der einen Hand sein überteuertes Bier, in der anderen die Zigarette, die ständig Brandlöcher in die Jacken anderer Gäste brannte, wurde ständig hin und her geschubst, gegen irgendeine Wand oder die Theke gepresst und versuchte dabei möglichst lässig auszusehen. Eben so als würde das Ganze einem gar nichts ausmachen. Schließlich wollte man ja auch eine der scheinbar heiß begehrten Visitenkarten, die hier überall getauscht und verteilt wurden. Wir bekamen keine. Das einzige was wir bekamen, waren die lüsternen Blicke älterer Damen und die angeekelten Blicke von sinistren Anzugträgern. Wir zogen uns also zurück. Wunden lecken. Verluste zählen. Flucht ergreifen. Wir flohen in einen nahe gelegenen Park und wankten völlig berauscht und über Bücher sinnierend über die finsteren Wiesen und Trampelpfade, lauschten der nächtlichen Stille Leipzigs und dem Soundtrack von Apocalypse Now.

Bild mit freundlicher Genehmigung von Marvin Dreiwes | Pfeil und Bogen
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